Dieses Objekt der Serie „Geschichte zum Anfassen“ möchte man am liebsten gar nicht anfassen. Denn zu schrecklich sind die Assoziationen, die es hervorruft. Und doch gehört der Judenstern zur Crailsheimer Geschichte – ob man will oder nicht.

Dabei war der Judenstern keinesfalls der Anfang vom Ende der Crailsheimer Juden, die ihn ab 1941 tragen mussten.

Schon 1920, also gut 20 Jahre zuvor, organisierte die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) ihren ersten großen Auftritt in Crailsheim. Dabei wurde auch „die Entfernung aller Juden aus den von ihnen besetzten Ämtern“ gefordert, wie es in einem Zeitungsbericht hieß. Der Veranstalter hat ihn selbst geschrieben, es war der Crailsheimer Arzt Dr. Arthur Mülberger.

Für die jüdische Gemeinde muss das ein Schock gewesen sein. Denn sie waren geachtete Mitbürger, vielfach tragende Säulen der Gesellschaft, wie Theodor Rosenfeld zum Beispiel, der den Crailsheimer Reit- und Fahrverein gründete und später die Motorfahrvereinigung. Er war auch maßgeblich am Bau und der Finanzierung der Jahnhalle beteiligt, schreibt Folker Förtsch im „Heimatbuch Crailsheim“.

Im Jahr 1910 hatte Crailsheim 325 jüdische Einwohner, die Gemeinde schrumpfte bis 1933 auf rund 160 Einwohner. Der Bevölkerungsanteil sank von 5,3 auf 2,5 Prozent. Viele zogen in die großen Städte oder wanderten aus.

Der Einfluss der antisemitisch eingestellten Parteien wuchs während dieser Zeit. Diese Parteien erreichten in Crailsheim bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 7,6 Prozent. Bei der Landtagswahl 1932 waren es 55,1 Prozent.

Schon 1933, acht Wochen nach dem Machtantritt Hitlers, wurden die Crailsheimer Juden Opfer einer ersten Verhaftungs- und Misshandlungswelle. Die Männer wurden zusammengeschlagen, manche von ihnen verhaftet und ins KZ gebracht. Gut eine Woche später erfolgte der Boykott jüdischer Geschäfte – auch in Crailsheim.

Viele Juden verließen in dieser Zeit die Stadt und emigrierten ins Ausland. Gerade noch rechtzeitig, könnte man meinen, denn 1935 folgten die „Nürnberger Gesetze“, die Juden endgültig zu Bürgern zweiter Klasse machten. Stück für Stück wurden ihnen alle bürgerlichen Rechte aberkannt. Keine Teilnahme am öffentlichen Leben, keine Geschäfte mit Nichtjuden, keine gemeinsamen Schulen. „Es war ein Bündel von Maßnahmen“, so Folker Förtsch. Über die Jahre drehte sich die Schlinge immer enger zu. In der Reichs­pogromnacht 1938 wurde auch in Crailsheim die Synagoge geschändet, ihre Einrichtung zerschlagen. Angezündet wurde sie allerdings nicht. Wohl, weil die Bebauung in der heutigen Adam-Weiß-Straße zu dicht war. In jener Nacht wurden jüdische Männer aus Crailsheim ins KZ Dachau verschleppt. Im Juli 1939 wurde die jüdische Gemeinde aufgelöst, Juden durften keine Geschäfte mehr betreiben – das betraf immerhin noch zwölf Geschäfte, die es damals noch in Crailsheim gab. Sechs Jahre zuvor waren es noch 45. In diesem Jahr erreichte die Auswanderungswelle ihren Höhepunkt. Über all die Jahre emigrierten 111 jüdische Crailsheimer.

Für die verbliebenen Juden wurden die Bedingungen immer schwieriger. Als die Juden 1941 dazu verpflichtet waren, den Judenstern zu tragen, waren sie vollends stigmatisiert. „Aber schon vorher durften sie nur noch eine Dreiviertelstunde täglich aus dem Haus.“

Immer wieder gab es Verhaftungen und Deportationen. Die letzten Crailsheimer Juden, es waren sechs ausnahmslos alte Menschen, wurde 1942 via Stuttgart nach Theresienstadt deportiert. Ein paar Tage später vermeldet die Zeitung, Crailsheim sei nun „judenfrei“.

Insgesamt verloren 46 jüdische Crailsheimer ihr Leben in den Konzentrationslagern.