Exhibitionismus ist weit verbreitet: Bundesweit zählt die Polizei pro Jahr rund 7000 einschlägige Anzeigen. Es sind fast ausschließlich Männer, die dem Drang, ihre Geschlechtsteile in aller Öffentlichkeit zu entblößen, nicht widerstehen können. Zu ihnen zählt auch ein 50- Jähriger, der sich vor dem Amtsgericht Crailsheim für sein Tun verantworten musste.

Schon vor drei Jahren fiel der Angeklagte erstmals unangenehm auf, als er auf dem Gelände eines Einkaufsmarktes zwei Frauen mit offener Hose gegenübertrat und dafür vom Amtsgericht mit einer Geldstrafe von 350 Euro belegt wurde.

Der Mann zog aber offensichtlich keine Lehren daraus: Im Januar 2018 packte er erneut sein Gemächt aus – diesmal in einem Ladenlokal. Hier verletzte er urplötzlich das Schamgefühl einer Angestellten, die ihm einen Kaffee am Tisch servieren wollte: „Ich bin sehr erschrocken, lief weg von dem Mann und habe danach geweint“, sagte die Frau im Zeugenstand. Das Geschehen sei ihr den ganzen Tag lang durch den Kopf gegangen, belaste sie aber seither nicht mehr besonders.

Reutlingen

Schwierige Kommunikation

Richterin Uta Herrmann gab sich alle Mühe, die Lebensumstände des alleinstehenden Mannes und die Triebfeder für seine exhibitionistischen Handlungen zu ergründen – ein auch von der Kommunikation her schwieriges Unterfangen, denn der Mann ist zu 60 Prozent schwerbehindert aufgrund einer „intellektuellen Minderbegabung“, wie es schon vor Jahren ein Arzt in einem Attest formulierte. Ohnehin bestritt der Mann den Vorwurf, den ihm Staatsanwältin Alexandra Henning in der Anklage machte: „Ich war das nicht, so etwas macht man nicht, das ist doch ekelhaft“, sagte der 50-Jährige.

Ein psychologisches Bild des Angeklagten machte sich Dr. Matthias C. Michl, Chefarzt der Klinik am Weissenhof in Weinsberg. Der Gutachter sprach vom einem „typischen Kontaktanbahnungsverhalten bei Menschen mit einer Intelligenzminderung, die zum Beispiel durch Alkohol noch zusätzlich enthemmt sein können“.

Die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten, der seinen Alltag bis auf etwas komplexere Aufgaben alleine meistern kann, sah der Sachverständige nicht als eingeschränkt an. Die Schuldfähigkeit des Mannes müsse dagegen vage bleiben, sie könne aber vermindert gewesen sein. Einer Therapie seien jedenfalls sehr enge Grenzen gesetzt: „Da ist wohl nicht viel zu machen“, sagte Dr. Michl. Und mit medikamentösen Versuchen müsse man in solchen Fällen „sehr vorsichtig sein“.

Dem Gutachter gefolgt

Der Einschätzung des Gutachters schloss sich auch die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer an. Indirekt sehe der Angeklagte nach seinen eigenen Worten das Unrecht von solchen Handlungen ja ein.

Alexandra Henning hielt eine Geldstrafe in Höhe von 900 Euro für ausreichend, eine Freiheitsstrafe wäre in diesem Fall nicht zielführend und eine Therapie verspreche wohl nur wenig Erfolg. Auch der Verteidiger Rainer Schwatz hielt eine Freiheitsstrafe für „völlig falsch“. Der Rechtsanwalt aus Crailsheim bat das Gericht um eine Geldstrafe in Höhe von 350 Euro.

Für das Urteil von Richterin Uta Herrmann spielte die Schuldfähigkeit des Mannes ebenfalls eine große Rolle: „Der Angeklagte erkennt offenbar sehr gut das schambesetzte Thema und seine Steuerungsfähigkeit war nicht aufgehoben – ob sie vermindert war, wissen wir aber nicht.“ Letztlich verzichtete Uta Herrmann auf eine Freiheitsstrafe („Über Bewährungsauflagen wäre ohnehin keine Therapie machbar“) und verhängte eine Geldstrafe von 700 Euro: „Ich erhoffe mir schon vom Angeklagten, dass er hier nicht mehr sitzen will“, sagte die Richterin.

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