Manchmal schreibt der Zufall die schönsten Geschichten des Lebens. Als Barbara Hammer auf dem Weihnachtsmarkt in Waldenburg einem jungen Mann von hinten auf die Schultern tippt, ist sie leicht irritiert. Zu ihrer Verblüffung ist es nicht, wie sie gedacht hat, ihr Sohn Frieder, der sich zu ihr umdreht, sondern Markus Lüdke. Und der grinst sie an, als sie sich dafür entschuldigen will, und sagt: „Macht nichts, ist doch nicht so schlimm.“ Beide lachen herzhaft.

Markus Lüdke ist zu diesem Zeitpunkt mit seinen Mannschaftskameraden von den Blue Tigers auf dem Weihnachtsmarkt in Waldenburg unterwegs. Eine Fußballmannschaft, die vor zehn Jahren in Kooperation mit der Fröbelschule Ellrichshausen unter dem Dach der Spvgg Gröningen-Satteldorf gegründet worden ist und in der „Jungs mit Handicap“ spielen, wie es Trainer Rolf Weihbrecht formuliert. Markus Lüdke und Barbara Hammers Sohn Frieder haben das Downsyndrom, wie etwa die Hälfte der Tigers. Rolf Weihbrecht und Barbara Hammer kommen ins Gespräch, schnell steht fest, dass auch Frieder Hammer Teil der Blue Tigers sein möchte.

15 Spieler zählt das Team der Blue Tigers inzwischen, begonnen hat das ganze Projekt vor zehn Jahren mit acht Spielern. Einmal pro Woche, jeden Samstag, wird auf dem Sportplatz in Satteldorf trainiert. Die Hammers reisen von Waldenburg aus an, Co-Trainer Dietmar Flath und sein Sohn Dennis aus Heidenheim, Tom Probst aus Dombühl, der Rest der Mannschaft kommt aus Ortschaften aus dem Altkreis Crailsheim (siehe Infokasten). Zweimal pro Jahr nimmt das Team an Turnieren teil, in Vollmaringen und in Bad Friedrichshall, ansonsten spielt man im Training gegeneinander. „Es gibt keinen Leistungsgedanken, keinen Druck, der Spaß am Fußball steht im Vordergrund“, betont Rolf Weihbrecht. Es komme schon einmal vor, dass Tino Häßner, mit zwölf Jahren das Nesthäkchen in der Mannschaft, mitten auf dem Platz genüsslich sein Vesper verspeise. Mannschaftskapitän Roland Weihbrecht, mit seinen 28 Jahren der Oldie im Team, schreitet dann schon einmal maßregelnd ein. „Aber meistens ist es keine herbe Kritik, sondern Roli gibt Tipps, was man besser machen kann“, sagt Rolf Weihbrecht und schmunzelt.

Sein Neffe Roland war vor zehn Jahren auch der Grund, warum die Blue Tigers ins Leben gerufen wurden. Roland Weihbrecht durfte lange Zeit mit einer Ausnahmegenehmigung bei den C2-Junioren der Spvgg Satteldorf spielen, obwohl er schon älter war. Doch als diese nicht mehr erteilt wurde, stand er vor einem großen Problem. „Roli ist mit Herz und Seele Fußballer“, sagt sein Onkel Rolf, also habe man nach einer Lösung gesucht und diese auch gefunden. „An der Fröbelschule gab es viele Interessierte, und so kam es zur Kooperation zwischen Schule und Verein.“

Bei den Blue Tigers wird Inklusion gelebt

Am Wochenende feierten die Blue Tigers nun ihren zehnten Geburtstag mit einem großen Fest samt Fußballspiel gegen die Tigers-Freunde, gemeinsamem Abendessen und Frühstück sowie Übernachtung im Zelt. Rund 80 Personen feierten mit, schätzt Weihbrecht. „Von der Resonanz bin ich überwältigt.“ Inklusion wird bei der Spvgg Satteldorf gelebt. „Früher habe ich die E- und D-Junioren trainiert, die Jungs von damals sind heute 18 bis 20 Jahre alt und immer noch mit den Spielern der Blue Tigers befreundet“, freut sich Rolf Weihbrecht, der sagt, dass Distanziertheit meist von Unkenntnis herrühre. „Ist der erste Kontakt einmal da, schmilzt das Eis oft sehr schnell.“

Im Umfeld der Tigers sieht man überall lächelnde Menschen, beim Abschied herzen sich die Spieler. Aus dem Fußballteam der Blue Tigers ist längst eine Familie geworden. Jugendliche wurden zu Erwachsenen, Mitspieler wurden zu Freunden, Trainer Rolf Weihbrecht wurde für einige zu einer Art zweitem Papa, die Eltern der Spieler wurden zu wichtigen Bezugspersonen. „Bei uns geht es nicht nur um Fußball, sondern um viel mehr“, sagt Rolf Weihbrecht. „Wir haben hier eine unheimlich tolle Gemeinschaft! Alle sind zwar unterschiedlich, aber jeder ist auf seine Art ganz liebenswert. Kinder mit Downsyndrom sind zum Beispiel ganz besonders herzlich und gefühlsbetont.“ Das Materielle spiele überhaupt keine Rolle, es gebe kein Hintenrum-Getuschel. Er müsse nicht oft laut werden und den strengen Trainer heraushängen lassen, sagt Weihbrecht und erklärt schmunzelnd: „So viele Liebkosungen und Küsse wie an einem Samstag vor dem Training bekomme ich von meiner Frau das ganze Jahr über nicht.“

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„Was Rolf hier seit zehn Jahren leistet, ist überragend“, lobt Spvgg-Urgestein Ulrich Ehrmann den Trainer der Blue Tigers. Er bringe den Mitgliedern sehr viel Wertschätzung entgegen, arbeite unheimlich empathisch und bringe ihnen auch sportlich viel bei. „Zu Beginn des Trainings machen wir viele Koordinationsübungen mit Ball, in der Halle spielen wir auch gerne mal etwas Basketball, weil viele sich mit den Händen leichter tun als mit den Füßen“, erklärt Weihbrecht.

Neben dem Fußballtraining und den beiden Turnieren gibt es auch ab und zu Ausflüge ins Fußballstadion zu Bundesligaspielen oder zu Veranstaltungen in der Umgebung. Und natürlich darf bei den Blue Tigers ein Aspekt nicht ausgespart werden, der ebenso wichtig ist wie das Fußballspielen: die Kastelruther Spatzen. In der Anfangszeit der Blue Tigers waren noch alle Spieler Fans der Volksmusikgruppe aus Südtirol, heute sind es noch sieben, mit den Jahren wechselten einige zu Rock und Pop. Aber wenn Markus Lüdke auf der Bühne als Sänger loslegt, dann reißt es jeden von den Sitzbänken. Er animiert das Publikum zum Klatschen, die Gestik erinnert verblüffend genau an den Spatzen-Sänger Norbert Rier, beim Play-back sitzt jedes Wort. Roland Weihbrecht trompetet inbrünstig, während Frieder Hammer Schlagzeug, Hannes von Berg Gitarre und Linus Huth Keyboard spielt. Auf dem Unterdorffest sorgen die Blue Tigers damit jedes Jahr für gute Laune. „Was man gern macht, macht man gut“, heißt ein Liedtitel der Kastelruther Spatzen. Auf die Blue Tigers trifft das voll und ganz zu.

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Trainiert werden die Blue Tigers von Rolf Weihbrecht und Dietmar Flath. Für die Tigers spielen: Tino Häßner, Maxim Haas, Frieder Hammer, Dennis und Kevin Herbold, Max Ebert, Markus Lüdke, Roland Weihbrecht, Hannes von Berg, Patrick Schneider, Linus Huth, David Fetzer, Dominik Palm, Tom Probst und Dennis Flath.

Die 15 Spieler sind zwischen 12 und 28 Jahre alt, sie kommen aus Crailsheim, Onolzheim, Marktlustenau, Tiefenbach, Triensbach, Krettenbach, Gerabronn, Weckelweiler, Satteldorf, Unterdeufstetten, Waldenburg, Dombühl und Heidenheim.

Wer Lust hat, bei den Blue Tigers mitzuspielen, meldet sich bei Rolf Weihbrecht, Telefon 0 79 54 / 13 76. Nach der Sommerpause beginnen die Blue Tigers am Freitag, 13. September, wieder mit dem Training.