Das ist ein sehr komisches Gefühl“, sagt der Brettheimer Ortsvorsteher Reiner Groß. Dieses Gefühl, es befällt ihn, wenn er an den kommenden Freitag denkt, den 10. April, den 75. Jahrestag des Geschehens, welches sein Dorf noch immer bewegt: die Hinrichtung von Friedrich Hanselmann, Leonhard Gackstatter und Leonhard Wolfmeyer. Die Männer von Brettheim wurden nach einer Entwaffnung von Hitlerjungen zu späten Opfern der NS-Schreckensherrschaft. Sie wollten den verlorenen Krieg nicht unnötig verlängert sehen (Hanselmann) beziehungsweise ihre Unterschrift nicht unter das Todesurteil gegen einen Mitbürger setzen (Gackstatter und Wolfmeyer). Sie hingen schließlich an den Brettheimer Friedhofslinden, noch im Tode verhöhnt von feixenden Hitlerjungen.

Ein komisches Gefühl befällt jeden, der sich diesen Terror vor Augen führt – Ortsvorsteher Groß dieses Jahr aber noch mehr als sonst. Normalerweise nämlich kommt das Dorf jeden 10. April zum Gedenken zusammen, normalerweise werden Leid und Trauer geteilt, versichert man sich in großer Runde und mit prominenten Gastrednern, dass so etwas nie wieder passieren darf, nicht in Brettheim, nicht in Deutschland, nicht in Europa. Nie mehr. Nirgends. Doch die Corona-Pandemie macht auch dieses gemeinschaftliche Erinnern unmöglich. „Ich finde es so schade“, sagt Reiner  Groß.

Tote Männer von Brettheim bekommen einen Kranz und drei Gestecke

Natürlich wird er stellvertretend für die Ortschaft und die Gemeinde Rot am See einen Kranz an den Linden und jeweils ein Blumengesteck an den drei Gräbern niederlegen. Die Kirchenglocken werden um 20 Uhr läuten und jeden Brettheimer dazu auffordern, in der heimischen Stube an die Opfer zu denken. Aber es wird nicht dasselbe sein.

Dass der Gedenktag heuer auf den Karfreitag fällt, birgt besondere Symbolik. Schließlich kommen hier die Brettheimer und die allgemein christliche Trauer zusammen. Die Männer an den Linden, Jesus am Kreuz. Nicht zuletzt deshalb wurde als Gastredner ein Theologe eingeladen:  der emeritierte Würzburger Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts, Horst F. Rupp. Rupp ist gebürtiger Rothenburger und als solcher schon lange mit den Ereignissen von Brettheim vertraut. Thilo Pohle – jenen Lehrer aus Rothenburg, der den Männern von Brettheim gemeinsam mit seinen Schülern ein unvergessliches filmisches Denkmal setzte – kennt er seit vielen Jahrzehnten.

Gedenkfeier in Brettheim Erinnerungskultur geschaffen

Rot am See

„Ein trauriges Kapitel“

Und Rupp hat, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet, eine eigene NS-Familiengeschichte, die er „ein trauriges Kapitel“ nennt. Rupps Großvater war NSDAP-Ortsgruppenleiter in Creglingen, wo bereits am 25. März 1933, nicht einmal zwei Monate nach der Machtübernahme der Nazis, zwei jüdische Bürger bei einem Pogrom getötet wurden.

„Mir war es sehr wichtig, dass in der Familie offen darüber geredet, dass nichts verschwiegen wird“, betont Rupp. In Büchern widmete er sich dem Schicksal der Creglinger Juden, einen Artikel für die Zeit überschrieb er mit der Zeile „Wo der Holocaust begann“.

Nach der intensiven Beschäftigung mit dem Beginn der Schreckensherrschaft schließt sich für Rupp nun durch seine Hinwendung zu Brettheim gleichsam ein Kreis. Das Geschehen in Hohenlohe zeige einerseits, dass es nach zwölf Jahren „Drittem Reich“ noch „Reste von Vernunft“ gegeben habe, andererseits offenbare es die „letzten grausamen Zuckungen“ eben dieses Unrechtsstaats, den „Kehraus mit bösen Begleiterscheinungen“ .

Professor Rupp hat den Brettheimern etwas zu sagen. In diesem Jahr kann er es leider nicht tun. Für 2021 aber hat er bereits wieder zugesagt.