Dinkelsbühl / RALF SNURAWA  Uhr
Lang anhaltend und am Ende im Stehen spendete das Premierenpublikum zur eigentlichen Eröffnung der Sommerfestspiele des Landestheaters Dinkelsbühl den Darstellern von „Die Comedian Harmonists“ Beifall.

“Heute schreien die Deutschen: Juden raus! Wer wohl die nächsten sind?“ fragt Roman Cycowski in Gottfried Greiffenhagens „Die Comedian Harmonists“. Darsteller Markus Streubel ließ seine Frage im Raum stehen – und sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Eine gewisse Betroffenheit machte sich im Publikum breit. Denn es steht inzwischen außer Frage, wer die nächsten Religionsangehörigen, sind, die – zum Glück nur einige Deutsche – nicht haben wollen. Pegida und die AfD haben es mit ihrer Islamophobie kundgetan.

In dieser Hinsicht könnte ein Stück wie das von Greiffenhagen überhaupt nicht aktueller sein. Hinzu kamen jetzt rassistische Äußerungen aus den Reihen der AfD. Und wenn Greiffenhagen seinen Harry Frommermann äußern lässt, dass es in der Reichsmusikkammer 1934 nicht um die Musik gehe, sondern um die Rasse, dann weckt das wiederum Anklänge.

Es ist überhaupt das Ende des Stücks, in dem Peter Cahns Inszenierung mit großen emotionalen Ausbrüchen endlich zu greifen beginnt. Zuvor werden die Konflikte zwischen den Mitgliedern der letztlich nur an den Nazis scheiternden „Comedian Harmonists“ von den Darstellern eher gestreift als ausgespielt. Hinzu kommt noch ein Stück, das von der Präsentation der Evergreens der frühesten deutschen Boygroup lebt und dadurch nur eine zerstückelte Dramaturgie, wenig Schauspiel, aber viel Gesang bietet.

Musikalisch wussten die sechs Darsteller der „Comedian Harmonists“ recht gut mit den Stücken umzugehen. Man kann nicht wirklich erwarten, dass Schauspieler genauso singen können wie die „Comedian Harmonists“. Das klangliche Ergebnis ist recht homogen – und wird mit den weiteren Aufführungen sicherlich noch homogener. Manchmal wirkte die Wiedergabe noch etwas gummiartig, etwa, wenn “Der Onkel Bumba aus Kalumba“ zu weich intoniert wurde, obwohl das Stück eigentlich harte Akzentsetzungen und gewitzte Pausen verlangt. Im zweiten Teil des Abends wurde dies aber schon deutlich besser.

Nicht nur die Spargelandeutung machte aus „Veronika, der Lenz ist da“ eine Wiedergabe mit Pfiff. Es war auch der Drive, der nun plötzlich zu spüren war. Bestätigt wurde das durch die gleich nachfolgende „Schöne Isabella aus Kastilien“. Die hätte man sich auf einer größeren Showtreppe noch viel schöner ausgebreitet vorstellen können. Auch die Guckkastenbühne passte nicht zur großen Show.

Gewitzt gelang den fünf Darstellern später auch der „kleine grüne Kaktus“ mit Kakteen in der Hand. Innig und recht zart gelang den Sängern mit Konstantinos Kalogeropoulos als musikalischen Leiter wie auch als Erwin Bootz am Klavier „Gib‘ mir den letzten Abschiedskuss“ genauso wie „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“, feinsinnig das Boccherini-Menuett oder „Leise schlägt die Uhr“.

Darstellerisch blieb vor allem der erste Teil der Aufführung zu sehr skizzenhaft. Andreas Peteratzinger versuchte als Harry Frommermann genauso wie Jens Rainer Kalkmann als Robert Biberti Schwung ins Spiel zu bringen. Doch gingen die Darsteller erst nach und nach in ihren Figuren auf. Da zeigte Christoph Rosenbaum als Ari Leschnikoff dann viel Humor beim Umgang mit der Sprache. Markus Streubels Roman Cycowski erhielt als jüdischer Kantorenvertreter darstellerische Tiefe. Und Patrick Mai durfte dem „getauften Juden“ Erich A. Collin Verzweiflung ins Gesicht schreiben.

Patricia Folk und Julian Niedermeier glänzten weniger als Zeitungsjungen, die das Geschehen zeitgeschichtlich einordneten. Patricia Folk nahm als Ehefrau Cycowksi ganz am Schluss gefangen. Und Julian Niedermeier wusste dem Impresario Levy ebenso Leben einzuhauchen wie den Nazifiguren: ob als SA-Mann, der um eine Autogramm bittet, ob als widerwärtiger Beamter der Reichsmusikkammer oder als hoher SA-Mann, der seine Meinung über „deutsche Kunst“ vor dem letzten Auftritt der Gruppe in Deutschland kundtut.