Crailsheim/Stuttgart Präsident für einen Tag

Crailsheim/Stuttgart / SEBASTIAN UNBEHAUEN 08.06.2013
Die deutsche Demokratie war längst erdolcht, als auch der württembergische Landtag sich heute vor 80 Jahren selbst ausschaltete. An jenem Tag wurde Karl Wilhelm Waldmann aus Tiefenbach Landtagspräsident.

"Mit einem feierlichen und würdigen Staatsakt wurde am Donnerstag nachmittag der 5. württ. Landtag im schön geschmückten Halbmondsaal bei vollbesetzten Tribünen eröffnet." Mit diesem harmlosen Satz begann der in Gerabronn erscheinende "Vaterlandsfreund" seinen Bericht über die Selbsterdrosselung des bereits gleichgeschalteten Stuttgarter Landesparlaments. Viele Zeilen später wurde es konkret: "Hierauf wurde das Ermächtigungsgesetz mit der erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit angenommen, worauf der Landtag sich vertagte und dem Präsidenten die Ermächtigung erteilte, den Landtag zu gegebener Zeit wieder einzuberufen" - oder eben nicht. Die Volksvertreter hatten ihre Kontrollfunktion aufgegeben, die reichsweit längst etablierte Diktatur hatte ihre Finger nun auch hochoffiziell gen Südwesten ausgestreckt. Und zugepackt.

Reichsstatthalter Wilhelm Murr versuchte in einer Ansprache den Eindruck zu verwischen, der Landtag habe ausgedient - und legte doch bloß ein bemerkenswertes Zeugnis des Gegenteils ab. Er führte aus, so der "Vaterlandsfreund", "daß der Landtag nicht völlig ausgeschaltet werde, sondern die Möglichkeit haben solle, zu der Arbeit der Regierung Stellung zu nehmen. Er sei aber überzeugt, daß der Landtag nie Anlaß finde, zu erklären, was die Regierung getan hat, ist falsch".

Zum neuen Landtagspräsidenten wurde in dieser denkwürdigen Sitzung einstimmig der aus Tiefenbach stammende Staatsrat Karl Wilhelm Waldmann gewählt. Mit den Worten "Ich werde bestrebt sein, das Amt des Landtagspräsidenten sachlich und unparteiisch zu führen. In diesem Geist übernehme ich das Amt" trat er an. Das Parlament freilich kam über die gesamte Dauer des "Dritten Reiches" nie mehr zusammen.

Waldmann hatte derweil andere, viel gewichtigere Funktionen im NS-System. Seit Mai 1933 war er persönlicher Referent von Reichsstatthalter Murr, ab dem 13. Juli trug er als einziger Ministerialbeamter Württembergs den Titel eines Staatssekretärs. Ihm oblag es, die Beamtenschaft im Südwesten auf NS-Kurs zu halten.

Waldmann war am 20. Juni 1889 in Tiefenbach als jüngstes von zwölf Kindern einer alteingesessenen Hohenloher Familie geboren worden. Bereits mit 15 - im August 1904 - trat er eine Stelle in der Crailsheimer Stadtverwaltung an. Von dort wechselte er nach Ebersbach im Kreis Göppingen und kam fortan in ganz Württemberg herum, ehe er im regionalen Zentrum der Macht in Stuttgart landete. Man darf Waldmann ohne Übertreibung als Beamten aus Leidenschaft beschreiben - und als überzeugten Nationalsozialisten. Seit 1925 gehörte er der NSDAP an, trat zwar 1928 aus, aber 1931 wieder ein. In der Folge fungierte er zum Beispiel als Leiter der NS-Beamtenschaft sowie des NS-Amtes für Innenpolitik und ab 1942 als SA-Oberführer. Vom 24. April 1932 an gehörte er dem Landtag an. Dort übernahm er die Geschäftsführung der NSDAP-Fraktion und saß dem Finanzausschuss vor. Im Krieg wurde er de facto württembergischer Finanzminister, auch wenn es dieses Amt offiziell nicht mehr gab.

Waldmann war erklärter Antisemit und hing agrarromantischen Vorstellungen an. Gleichzeitig gab er sich nach außen meist moderat, galt als vernünftiger Nazi. "Und darin liegt seine eigentliche Verantwortlichkeit, dass er für seine Zeitgenossen den unmenschlichen Nationalsozialismus so scheinbar menschlich und gerecht vertreten hat und dadurch mitgeholfen hat, das Unrecht erst möglich zu machen", urteilt Annette Roser in einem Aufsatz über Waldmann, der in der Nachkriegszeit als "Minderbelasteter" davonkam.

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