Kirchenkirnberg Pfarrer treffen Dichter

Die Gouache aus der Biedermeierzeit zeigt das Pfarrhaus in Kirchenkirnberg. Ein weiteres Bild zeigt eine Ortsansicht; ein drittes Bild ist verschollen. Die beiden erhaltenen Bilder befinden sich in der evangelischen Kirche in Kirchenkirnberg.
Die Gouache aus der Biedermeierzeit zeigt das Pfarrhaus in Kirchenkirnberg. Ein weiteres Bild zeigt eine Ortsansicht; ein drittes Bild ist verschollen. Die beiden erhaltenen Bilder befinden sich in der evangelischen Kirche in Kirchenkirnberg. © Foto: eke
Kirchenkirnberg / EKE 30.01.2016
Ein Puzzle aus bisher kaum bekannten historischen Beziehungsnetzwerken und Details zwischen berühmten Personen hat Christian Schweizer im Gasthaus Kastanie in Kirchenkirnberg zusammengesetzt.

Bei umfangreichen Recherchen im Archiv der evangelischen Landeskirche und im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart sowie im Heimatmuseum Horlachen habe er zu diesem Bilderzyklus eine Fülle spannender Details entdeckt, berichtete Schweizer. Der Zyklus umfasst drei kleine Gouache-Gemälde, von denen noch zwei erhalten sind. Schweizer vermutet, dass sie einst im Besitz der Kirchenkirnberger Pfarrer waren und später in den Privatbesitz Kirchenkirnberger Bürger übergingen; heute befinden sie sich in der Kirche. Auf dem verlorenen Bild ist das Pfarrhaus in Oberbrüden mit Mitgliedern der Pfarrerdynastie Scholl dargestellt, ein erhaltenes zeigt das Pfarrhaus in Kirchenkirnberg. Das dritte Bild ist eine Ortsansicht von Kirchenkirnberg mit der einzigen bekannten Darstellung der alten Ursulakirche.

Die Texte auf den Rückseiten der um 1815 gemalten Bilder von Christoph Friedrich Dörr, Porträtist und Zeichenlehrer in Tübingen, Vetter des Landschaftsmalers Carl Dörr, geben Aufschluss über den Inhalt und sind der Schlüssel für die zeitliche Einordnung. Die Gemälde zeigen ein Dorf- und Familienidyll mit detailgenau erfasster Wirklichkeit - man müsse sie lesen wie einen Text, erklärte der Referent.

Das Bild des Kirchenkirnberger Pfarrhauses dokumentiert das Beziehungsnetzwerk des "Limpurger Kreises" aus Pfarrern und Literaten der Romantik im frühen 19. Jahrhundert. Detailliert wie eine Miniatur zeigt es den Besuch des Prälaten Johann Gottfried Pahl mit seiner Familie beim Kirchenkirnberger Pfarrer Friedrich Christian Scholl im Frühjahr 1815. Der bedeutende Autor der Aufklärung war mit den schwäbischen Dichtern Ludwig Uhland, Justinus Kerner und Eduard Mörike befreundet. Ein Tagebucheintrag Uhlands weist darauf hin, dass er und Kerner mit dem Gschwender Pfarrer Heinrich Prescher im Herbst 1815 nach Kirchenkirnberg kamen, wo sie "sauren Wein" tranken.

Das Beziehungsnetzwerk ermöglichte es der Tochter des Kirchenkirnberger Pfarrers, Luise Albertine Wilhelmine Scholl, in zweiter Ehe den schillernden badischen Hofrat Joseph Beck zu heiraten. Der katholische Priester und Privatlehrer des späteren französischen Kaisers Napoleon III. vertrat für die damalige Zeit unerhört moderne Ansichten, setzte sich für konfessionelle Mischehen ein und konvertierte zum evangelischen Glauben.

Eine weitere Kostbarkeit ist die letztes Jahr in der Pfarrscheuer wiederentdeckte, mit Nadelmalerei bestickte Fahne des ehemaligen Kriegervereins Kirchenkirnberg von 1903. Sie zeigt das Wappen des Königreichs Württemberg, darüber den Schriftbogen "Mit Gott für König und Vaterland", auf der anderen Seite die Symbolfigur der Germania, darüber den Schriftbogen "Kriegerverein Kirchenkirnberg". Über den Verein habe er nichts Genaues herausfinden können, da die Archivalien weggeworfen oder kurz vor Kriegsende verbrannt worden waren, bedauert Schweizer. Die von Veteranen nach dem deutsch-französischen Krieg und der Gründung des Kaiserreichs überall in Deutschland gebildeten monarchistischen Kriegervereine waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Sie erfüllten wichtige soziale Aufgaben wie die Versorgung von Hinterbliebenen und eine Sterbekasse. Im Vorstand des Dachverbands Württembergischer Kriegerbund saß auch der Murrhardter Generalarzt Eduard von Seeger, Schwiegervater von Robert Franck. Mitglieder von Kriegervereinen bildeten Sanitätskolonnen aus freiwilligen Veteranen, die Sanitätshilfsdienste im Kriegsfall leisteten. So engagierten sich Mitglieder des Kriegervereins Kirchenkirnberg in der Sanitätskolonne Gaildorf-Schwäbisch Hall, und aus zahlreichen Sanitätskolonnen entstanden Ortsvereine des Deutschen Roten Kreuzes.

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