Ein Sportler muss heute nicht nur seinen Körper trainieren, sondern auch mental für Höchstleistungen bereit sein – und sich entsprechend auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten. „Bis zu 20 Prozent Leistungssteigerung sind durch ein ausgeklügeltes Mental-Training möglich“, sagt der Niederstettener Coach Oliver Gulde. Er bezieht sich auf Ergebnisse aus der Gehirnforschung. Im Jahr 2013 haben er und der heute 22-jährige deutsche Gewichtheber Nico Müller aus Obrigheim zusammengefunden, seither intensivierten sie ihre Zusammenarbeit. Jetzt fährt Müller zu den Olympischen Spielen nach Brasilien.

Im Alter von sieben Jahren hatte er bei SV Germania Obrigheim mit dem Gewichtheben begonnen, bis heute bestreitet er dort seine Bundesligawettkämpfe. Das Gewichtheben sei von Beginn an zur Leidenschaft geworden, erzählt er – und bald schon stellten sich auch erste Erfolge ein. Seit November 2013 gehört er einer Sportfördergruppe der Bundeswehr an.

Persönliche Bestleistung überbieten

Seit 2005 wird Müller vom früheren Olympiasieger Oliver Caruso trainiert. Ein dritter Platz bei der Jugend-Europameisterschaft im spanischen Valencia im Jahr 2010 war ein erster Achtungserfolg, welcher zur Teilnahme an der Jugend-Olympiade in Singapur berechtigte. 2015 ging er in seiner Gewichtsklasse erstmals bei einer Weltmeisterschaft für Senioren in Houston (Texas) an den Start und belegte dort einen sehr respektablen 19. Rang.

Ein fünfter Platz bei der diesjährigen Europameisterschaft im norwegischen Forde reichte dem nur 1,68 Meter großen Sportler neben drei anderen deutschen Herren jetzt zur Qualifikation für die Olympischen Spiele. Über 18 Wochen hinweg hat sich der Baden-Württemberger nun intensiv auf seinen Karrierehöhepunkt vorbereitet. Sowohl sportlich als auch mental fühlt er sich gut gewappnet für das Abenteuer Olympia.

In Rio möchte Müller einen guten Wettkampf abliefern und seine persönliche Bestleistung überbieten. Die liegt aktuell bei 341 Kilogramm (153 Kilogramm im Reißen, 188 Kilogramm im Stoßen). Die Platzierung ist für ihn nur zweitrangig: „Ein Platz unter den besten zehn wäre schon toll.“ Von ihm gleich eine Medaille zu erwarten, sei absolut unrealistisch, wie er betont.

Aber wer weiß: Das Mentalcoaching zeigt große Erfolge, wie auch Trainer Caruso bestätigt. Durch die Auseinandersetzung mit den sich steigernden Zielsetzungen seien die Leistungen in den vergangenen Jahren permanent angestiegen. Etwa einmal pro Monat hat Gulde Kontakt zu dem Nachwuchssportler. Vor allem eine Schulterverletzung vor zwei Jahren habe eine intensive mentale Arbeit  notwendig gemacht.

„Alles was in die Psyche mit reinspielt, egal ob sportlich oder privat“, werde dabei aufgearbeitet, so Gulde, der schon von 2013 an sein Hauptaugenmerk auf die nun anstehenden  Olympischen Spiele in Rio legte. Genauso wichtig sei es aber auch, bereits jetzt Ziele für die Zeit nach einem wichtigen Wettkampf zu definieren, weshalb der Blick schon in Richtung Tokio 2020 gehe.

„Das ist Betrug, ich bin für sauberen Sport“

Am 4. August fliegt Nico Müller nach Brasilien. Sechs Tage später findet der Wettbewerb in seiner Gewichtsklasse statt, bei dem er sich mit ausschließlich positivem Denken in die technischen Abläufe fügen will. Per Livestream im Internet reicht dabei der Einfluss des Mentaltrainers heutzutage während des Wettkampfes bis in die Sportlerkabine hinein, so Gulde, der seinem Schützling viel Erfolg wünscht, damit dieser vielleicht auch einmal einen Sponsoren an Land ziehen kann. Nico Müller erhält nämlich keine Sporthilfe.

Das Thema Doping ist für ihn eigentlich keines: „Das ist Betrug, ich bin für sauberen Sport“, positioniert er sich eindeutig und hofft, dass in seiner Gewichtsklasse keiner zu unsauberen Hilfsmitteln greift. „Die Emotionen bei der Siegerehrung kann dir ohnehin keiner nachreichen, wenn dir eine Medaille später zugesprochen wird, weil ein anderer des Dopings überführt worden ist.“