Crailsheim Geheimnisvolle Zugänge zur Villa

Crailsheim / Julia Vogelmann 24.08.2018
Zwei Türen am Turm der Villa machen auch heute noch die Besucher neugierig.

Die Villa auf dem Kreckelberg war wohl die schönste Sommerresidenz, die in Crailsheim jemals gebaut wurde. Mit einem atemberaubenden Blick über die Dächer der Stadt ließ es sich auf der Dachterrasse des 1895 erbauten Schlösschens wohl sein. Seit 1928 ist die Villa im Besitz der Stadt Crailsheim. Die Kinder des Erbauers Bletzinger machten sie der Stadt nach dessen Tod zum Geschenk.

Nachdem sie Pfadfinderquartier und schon einmal Gaststätte war, stand sie leer, bis der Vogelverein sie 1974 pachtete und damit den Zugang zur schönsten Aussicht über die Horaffenstadt erhielt. Sollte man meinen. Auf Bildern aus dem Stadtarchiv ist die Familie Bletzinger auf der Dachterrasse mit weißem Holzzaun zu sehen, die Fahne auf dem Türmchen. Deutlich darauf auch zu sehen sind zwei Türen. Die eine oben am Turm, die andere an seinem Fuß.

Verfallen und verwittert

Als der Vogelverein die Villa übernahm, war die obere Türe bereits nur mehr eine Sackgasse in ein verfallenes und verwittertes Treppenhaus mit einer Holztreppe, die nicht mehr begehbar war. Zu undicht war die Türe über die Jahrzehnte geworden und zu oft wurde versucht, über die Türe auf dem Dach in die Villa einzusteigen. Kein Einbrecher hat sich je die Mühe gemacht, die Türe wieder zu schließen und Wind und Wetter taten ihr Übriges.

Wer heute den Blick hebt, der stellt fest, dass die Türe oben heute nicht mehr vorhanden ist. Sie wurde 1978 zugemauert und damit der Zugang zur wohl schön­s­ten Dachterrasse Crailsheims versperrt. Der Grund dafür waren jedoch nicht nur die inzwischen fehlende Treppe, sondern auch die Bedenken, dass die Terrasse für Publikumsverkehr nicht mehr tragfähig genug ist und somit für jeden, der sie betritt, ein hohes Sicherheitsrisiko darstellt. „Darüber, die Treppe wieder aufzubauen, wurde nie wieder gesprochen“, erinnert sich Carolin Queißner, die seit fast 40 Jahren Mitglied beim Vogelverein ist und regelmäßig hilft, die Villa zu bewirten.

Verlorener Ausblick

Sie erinnert sich genau daran, dass man früher durch das Treppenhaus bis ganz nach oben in den Turm schauen konnte. Ein Ausblick, der heute versperrt ist. Durch die Verwitterung stürzten immer wieder Holzteile und Teile des Putzes herunter, weshalb man sich dafür entschied, eine Zwischendecke einzuziehen und das Treppenhaus mit Holz zu verkleiden.

Der Weg zur Küche

Was geblieben ist, ist die Türe unten, die von außen grün ohne Klinke oft zu Rätselraten bei den Villabesuchern führt. „Wir werden oft gefragt, wo die Türe hinführt und was sich dahinter verbirgt“, bestätigt Carolin Queißner und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn tatsächlich ist die Antwort, die sie dann geben muss, nicht so spektakulär, wie sich viele erhoffen. Wenn sie an Tagen, wo auch außen bewirtet wird, einen Blick hinter die Türe gewährt, ist die Enttäuschung oft groß, denn sie führt lediglich ins Treppenhaus, hinab in den Keller zur Küche.

Wo früher eine verwinkelte Holztreppe war, sind heute Regale und Stauraum für Klopapier, Eistafeln und Kisten. Die Hoffnung auf einen Aufstieg auf die Terrasse oder gar auf den Turm, der übrigens schon immer nur mittels einer Leiter zugänglich war, muss sie jedes Mal zerschlagen. „Einmal war ich tatsächlich oben, ich habe mich gefühlt wie auf dem Fernsehturm. Mir war es viel zu hoch“, verrät Carolin Queißner. An den atemberaubenden Ausblick weit über Crailsheim und das Umland erinnert sie sich noch ganz genau.  Das Erlebnis ist schon Jahre her und sie bekam die Gelegenheit, als einmal Glühbirnen für die Beleuchtung ausgewechselt werden mussten.

Einbrecher hinterlassen Spuren

Heute traut sich das keiner mehr. Zu gefährlich ist das Betreten des Daches. Deshalb werden die Glühbirnen inzwischen einmal jedes Frühjahr mittels einer Hebebühne überprüft und ausgewechselt. Die Türe unten bleibt zu und ist inzwischen durch eine Verstärkung und dicke Bolzen geschützt vor möglichen Einbrechern. Dennoch sind deutliche Spuren an ihr zu sehen, wo versucht wurde, sie mit Brecheisen und Werkzeug aufzustemmen. Ein Unterfangen, für das Carolin Queißner keinerlei Verständnis hat. „Hier drin ist tatsächlich nix zu holen. Ein paar Kekse vielleicht, sonst ist nichts drin. Man kann höchstens was kaputtmachen, aber was soll das“, fragt sie. Zwei Mann braucht es, um die Türe am Turm wieder ordentlich zu verschließen.

Die Sache mit dem Horaffen

Einen Horaff, wie die Eingangstür und die Fenster im Laufe der Jahre bekommen haben, sucht man an ihr vergeblich. Sie fristet ihr Dasein unauffällig, obwohl sie in Zeiten, als die Villa noch ein Ferienhäuschen war, sicher die am häufigsten genutzte Türe war, gewährte sie doch den schnellsten Zugang zu dem, was die Villa ausmacht: die Aussicht und das gute Essen aus der Küche.

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