Der folgende offene Brief wurde an unsere Redaktion und die Redaktion des Hohenloher Tagblatts als Leserbrief übersandt. Er richtet sich an den Crailsheimer Oberbürgermeister und ist vom Verein Waldorfpädagogik Crailsheim. Wir veröffentlichen in hier in voller Länge:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Grimmer,

zunächst gratulieren wir Ihnen von Herzen zu Ihrer Wahl und wünschen Ihnen für Ihre Arbeit alles Gute.

Ihre Heimatstadt Crailsheim steht in diesen Wochen und Monaten vor weitreichenden Weichenstellungen ihres Gemeinwesens. Wichtige Leitungspositionen der Stadtverwaltung werden neu besetzt. Die Crailsheimer Bevölkerung wählte Sie mit großer Mehrheit im ersten Wahlgang zu ihrem neuen Oberbürgermeister. Eine spannende und mutige Wahl, die den Wunsch einer „Erneuerung“ und das Vertrauen in die Zukunftskräfte der jungen Generation, die Sie verkörpern, widerspiegelt. Verbunden ist diese Wahl mit Hoffnungen und Erwartungen.

Die Fundierung der zukünftigen Stadtpolitik am Anfang einer neuen Epoche ist von großer Bedeutung. Jetzt werden entscheidende Weichen für Crailsheims Zukunft gestellt. Dazu braucht es Mut und Besonnenheit sowie Liebe und Weisheit. Die notwendigen Schritte wollen wohl bedacht sein und umfassend in offenen, transparenten und demokratischen Willensprozessen mit den MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung, dem Gemeinderat, den davon betroffenen Institutionen der Stadt und der Crailsheimer Bevölkerung beraten werden.

Mut haben Sie bewiesen:

„Crailsheims neuer Oberbürgermeister beginnt seinen ersten Arbeitstag mit einem Paukenschlag: Die Stadtverwaltung soll tiefgreifend umstrukturiert werden.“ So der Untertitel eines Berichtes des Hohenloher Tagblattes.

Wir würden uns freuen, wenn Sie als nächsten Schritt jetzt einen offenen, demokratischen Willensprozess initiieren und ohne Zeitdruck dem Dialog mit den politisch Verantwortlichen und der BürgerInnenschaft Raum geben, um eine sachlich fundierte und von den Menschen der Stadt mitgetragene Entscheidung fällen zu können. Das hätte für eine zukunftsweisende Kultur des demokratischen Miteinanders in unserer Stadt eine hohe Signalwirkung.

Mit unserem „Offenen Brief“ wollen wir diesen basisdemokratischen Prozess anregen und in konstruktiver Weise unsere Gedanken und Gesichtspunkte einbringen.

Denn auch wir als öffentliche Bildungseinrichtung der Stadt in Freier Trägerschaft mit Kinderkrippe, Kindergarten und einer allgemeinbildenden Schule blicken gespannt auf das, was sich jetzt entwickeln wird und weitreichende Auswirkungen auf unsere Zukunft hat.

So nahmen wir mit großem Interesse zur Kenntnis, wie Sie die Crailsheimer Stadtverwaltung „neu aufstellen“ wollen. Der für uns entscheidende Aspekt wird interessanter Weise am Ende des besagten HT-Artikels erwähnt: „Auch neu: die Wirtschaft wird mit der Bildung zusammengespannt. Diese Verzahnung soll, so Grimmer, Schulen und Unternehmen zugutekommen.“

Wir kennen Ihre tieferen Gründe für diese, in unseren Augen weit reichende Veränderung nicht und würden Sie im öffentlichen Dialog gerne kennenlernen, da diese Frage von allgemeinem öffentlichem Interesse ist und auch alle anderen Bildungseinrichtungen betrifft. Ihre Entscheidung ist so wesentlich, weil Bildung und Kultur die entscheidenden Zukunftsfaktoren der gesellschaftlichen Entwicklung und der Teilhabe aller Menschen am demokratischen Gemeinwesen sind. Im Lichte der für uns überschaubaren, aktuellen globalen wie lokalen Situation, halten wir die Grundsatzentscheidung „Bildung & Wirtschaft“ in einem Ressort zusammen zu fassen, für gravierend, weil Grundprinzipien unseres Verständnisses, wie das soziale Gemeinwesen einer Kommune gegliedert werden sollte, um dem Wohl aller BürgerInnen dienen zu können, auf den Kopf gestellt werden.

Ihr Vorschlag für eine neue Struktur der Stadtverwaltung verstärkt den schon bestehenden gesamtgesellschaftlichen Widerspruch zwischen dem sozialen Organismus eines Staatswesens und der globalisierten Welt. In diesem Widerspruch sehen wir eine der wesentlichen Ursachen der großen Probleme unserer Zeit. Um schlagwortartig einige Phänomene zu nennen: Ohnmachtsgefühl, Zukunftsängste, Schere zwischen Arm und Reich, Politikverdrossenheit, Bildungskrise, marode Schulen, weltweite Aufrüstung und gesteigerter Waffenexport, indirekt damit verbunden auch die Zersplitterung der Familien, Terrorismus, Klimakatastrophen, Flüchtlingskrise.

Was meinen wir mit dem oben beschriebenen „Widerspruch“ durch falsche Gliederung und Zuordnung der Bereiche des sozialen Gemeinwesens?

Unsere demokratischen Grundwerte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (Geschwisterlichkeit) können nur dann fruchtbar wirken, wenn sie sinnvoll auf die Bereiche der Gesellschaft verteilt werden.

Dies ist dann der Fall, wenn zudem die Gesellschaftsbereiche strikt voneinander getrennt werden. Zum Beispiel sollte die Politik oder die Wirtschaft nicht über Lehrpläne bestimmen oder diese direkt oder indirekt beeinflussen.

Das heißt vereinfacht formuliert:

Freiheit gehört zum Geistesleben - und nicht in die Wirtschaft.

Die Freiheit im Geistesleben bedeutet vor allem das Beenden von politischen und wirtschaftlichen Einflüssen auf das Schul- und Bildungswesen. Pädagogen können und müssen den Lehrbetrieb ohne solche Einmischung selbst steuern. Voraussetzung dafür ist eine entsprechende LehrerInnenausbildung.

Gleichheit gilt nur vor dem Gesetz.

Die Gleichheit im Rechtsleben bedeutet Reduzierung des Staates auf die eigentlichen Hoheitsaufgaben und eine echte Demokratie ohne Lobbyismus. Die Politik beschränkt sich auf das eigentliche Rechtsleben und sorgt für ein geregeltes und faires Miteinander von Gleich zu Gleich.

Brüderlichkeit gehört in das Wirtschaftsleben.

Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben klingt ungewohnt und bedeutet einen langfristigen Wandel von Konkurrenz zu einem echten Füreinander. Geld und Ressourcen werden weder egoistisch noch gleich verteilt, sondern nach Bedürfnissen. Eine von dieser Haltung durchdrungene Wirtschaft organisiert sich frei von politischer Regulierung selbst.

Diesen „Offenen Brief“ an Sie lassen wir den Gemeinderatsfraktionen zukommen und senden ihn, mit der Bitte ihn als Leserbrief zu veröffentlichen, an das Hohenloher Tagblatt.

Für die Leitungskonferenz des Vereins Waldorfpädagogik Crailsheim e.V.:

Susanne Hammer, Wilhelm Volz, Markus Stettner-Ruff

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