Zwei Fragen. Genau zwei Fragen werden am Telefon gestellt: „Was arbeiten Sie?“ und „wo wohnen Sie?“ Dann ist in der Regel ein Klicken zu hören. Aufgelegt. Wer nicht arbeitet und obendrein keine feste Bleibe hat, gibt sich keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt. Friedemann Boy bestätigt diese Einschätzung: „Es gibt keine kleinen, bezahlbaren Einheiten, und wenn, werden sie nicht an meine Klienten vermietet.“

Er schlägt Alarm: „Derzeit haben rund 200 Menschen in der Stadt keine Wohnung.“ Das sei aber erst der Beginn einer Entwicklung, die in ihrer ganzen Tragweite erkannt werden müsse. „Diese Zahl wird schlagartig steigen, wenn der große Schwung der Flüchtlinge aus der Erstaufnahme in die Anschlussunterbringung übergeht“, sagt Boy, der in der Crailsheimer Beratungsstelle des diakonischen Sozialunternehmens Erlacher Höhe Unterstützung anbietet.

Nachdem der Anteil der Miete am Gesamteinkommen steigt, ist die Angst, sich etwa nach erfolgter Sanierung die teurer werdende Wohnung nicht länger leisten zu können und auf der Straße zu stehen, mitten in der Gesellschaft angekommen. Es gibt immer mehr Bewerber für immer weniger werdende günstige Wohnungen. Obdachlose fallen ganz durchs Raster, das ist auch der Eindruck, den Kirsten Orth-Krause vom Arbeitskreis Burgbergstraße gewonnen hat.

Boy versucht nach Möglichkeit, bereits bei drohendem Wohnungsverlust zu helfen und zu vermitteln. Ist jemand bereits an einem der vier großen Standorte untergebracht, die Crailsheim für Menschen ohne eigene Wohnung bereitstellt, versucht der 37-jährige Sozialarbeiter und Sozialpädagoge, schnell eine Lösung zu finden. Denn wer sich in der Obdachlosigkeit und in seinen Problemen einrichtet, findet in der Regel nur schwer wieder Tritt.

Was hat zuerst gefehlt: Job oder Wohnung? Ist es eine psychische Krankheit, die den Halt verlieren lässt, eine Suchterkrankung, eine unverarbeitete Trennung, ein Schuldenberg, dem nur mit der Privatinsolvenz begegnet werden kann? Meistens sei es ein ganzes Bündel von Problemen, sagt Boy, und viel zu oft könnten Betroffene erst „ganz unten“ aufgefangen werden. Und mit jedem Monat, jedem Jahr wird es noch schwieriger, die Unterkunft wieder zu verlassen.

Lösungen suchen

Alle Anstrengungen in dieser Richtung, sagt der Fachmann, laufen aber ohnehin ins Leere, wenn nicht bald deutlich mehr günstiger Wohnraum zur Verfügung steht. Erste Bauprojekte werden derzeit umgesetzt, für Boy aber kann das nur ein Anfang sein: Zu groß sei der Bedarf. Möglichst dezentral müsse Wohnraum idealerweise entstehen; bei weiterer Konzentration in einem Stadtteil vergrößerten sich Schwierigkeiten. Und er blickt auf ganz viel leer stehenden Wohnraum, auf ungenutzte Hausteile und Einliegerwohnungen, die aus zum Teil berechtigter Angst vor Schwierigkeiten nicht vermietet würden.

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