Gedenken Nur die Wahrheit bewahrt vor der Gefahr weiterer Verbrechen

Brettheim / Andreas Harthan 12.04.2017
Rezzo Schlauch würdigt den Mut der Männer von Brettheim und bezeichnet die juristische Aufarbeitung des NS-Verbrechens als „Schande“.

Die beiden Linden am Eingang des Brettheimer Friedhofes haben sich hellgrüne Kleidchen übergeworfen, Vögel zwitschern, die Luft ist lau an diesem Vorfrühlingstag. Es fühlt sich an wie ein ländliches Idyll und doch frösteln – zumindest innerlich – viele der Menschen, die sich am Abend des 10. April vor dem Friedhof versammeln. Sie haben allen Grund dazu, denn der Anlass ihres Kommens ist ein schrecklicher. Vor 72 Jahren wurden an den Bäumen drei Brettheimer erhängt, weil sie kurz vor Kriegsende Hitlerjungen Panzerfäuste weggenommen haben beziehungsweise sich weigerten, Todesurteile gegen an der Entwaffnungsaktion Beteiligte zu unterschreiben.

„Schande für den Rechtsstaat“

Jahr für Jahr wird unter den Bäumen der Männer von Brettheim gedacht, jedes Jahr setzt sich ein anderer prominenter Redner mit dem schrecklichen Geschehen auseinander. Am Montag kommt der ehemalige Grünen-Politiker Rezzo Schlauch (69) nach Brettheim – und er spricht Klartext. Redet von „Mord“ an den drei Brettheimern, geißelt die juristische Aufarbeitung der Hinrichtungen in der Nachkriegszeit als „Schlag ins Gesicht der betroffenen Familien“, als „weitere bittere Bestrafung der Angehörigen“ und als „Schande für den frisch geschaffenen Rechtsstaat“. Für den Juristen steht fest: Würden die Prozesse heute geführt werden, wäre eine Verurteilung wegen Mordes sicher.

Doch im Nachkriegsdeutschland wurde das noch anders gesehen. In drei Prozessen in Ansbach und Nürnberg zwischen 1955 und 1960 kam der Hauptverantwortliche, der SS-General Max Simon, ungeschoren davon. Für den ehemaligen Parlamentarier Schlauch ist das „ein unfassbares Versagen der deutschen Justiz“. Der ehemalige Landtags- und Bundestagsabgeordnete kann gut verstehen, dass die 68er-Generation gegen diese Schlussstrich-Mentalität aufbegehrt hat und die Schweigemauer der Elterngeneration einreißen wollte. Schlauch verweist auf das Vermächtnis der deutsch-israelischen Autorin Inge Deutschkron: „Es gilt, die Wahrheit zu wissen, die ganze Wahrheit. Denn solange die Frage, wie konnte das Fürchterliche geschehen, Rätsel aufgibt, ist die Gefahr nicht gebannt, dass Verbrechen ähnlicher Art die Menschheit erneut heimsuchen.“

Schlauch würdigt das Handeln der Männer von Brettheim als „ein Akt von unglaublich mutiger Zivilcourage“, und hebt hervor: „Hätten wir in den letzten Wochen des Krieges mehr Hanselmänner, Gackstatters und Wolfmeyers gehabt, wäre sinnloses Blutvergießen, wäre viel menschliches Leid dem Land erspart geblieben und wäre der Krieg um vieles früher zu Ende gewesen.“

Dass das Gedenken an das „dunkelste Kapitel unserer Ortsgeschichte“ (Ortsvorsteher Reiner Groß) bis heute eine „lebendige Tradition“ (Groß) ist, zeigen die zahlreichen Zuhörer, unter ihnen auch – wie fast in jedem Jahr – Evelyn Gebhardt, die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. In Erinnerung an die Willkürherrschaft der Nazis gelte es heute, „unsere Grundwerte, unseren Frieden und unsere Freiheit mit allen demokratischen Mitteln zu schützen“, betont der Ortsvorsteher, und ergänzt: „Wir müssen uns gemeinsam gegen Krieg, Terror und Gewalt wehren.“

Dann liest Groß die Namen der im Zweiten Weltkrieg in Brettheim zu Tode Gekommenen vor. Mittlerweile ist es nicht nur windig geworden, sondern auch kalt. Die Menschen frösteln. Trotzdem gehen sie im Schein von Fackeln an die Gräber der Familien Hanselmann und Gackstatter. Zuvor waren schon Blumen am Grab der Familie Wolfmeyer in Blaufelden niedergelegt worden.

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