Die Nachforschungen gleichen einem kleinteiligen Mosaik. So viel scheint klar: Gestorben ist Wilhelm Zieher am 30. Juni 1941 – im Alter von 59 Jahren. Der Sterbeort ist im Familienregister des Standesamts Kreßberg „unleserlich“ eingetragen, sagte eine Mitarbeiterin auf Nachfrage. In anderen Dokumenten gibt es konkretere Hinweise darauf, wo der Mann gestorben ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit steht der unleserliche Eintrag für „Hadamar“.

Wilhelm Zieher wurde am 5. Dezember 1881 in Mariäkappel geboren, als jüngstes Kind von Johann Michael Zieher und Margarethe Barbara Zieher, geborene Häfner. Am 7. September 1907 heiratete er in Gaggstatt Babette Göller aus Mistlau. Das Ehepaar bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof mitten in dem kleinen Dorf an der Jagst. Über Kinder des Ehepaars ist nichts bekannt. Nachdem seine Frau gestorben war, sei er „sehr traurig geworden“, berichtete eine Mistlauer Nachbarin bei einem Interview Mitte der 1990er-Jahre.
Ein Dokument im Standesamt Kirchberg belegt, dass Zieher am 1. März 1939 – zwei Jahre vor seinem Tod – von Mistlau ins Altersheim Tempelhof bei Marktlustenau umgezogen ist. Im Schloss Tempelhof lebte er bis zum Frühjahr 1941. Dann wurde er in die „Heilanstalt“ Weinsberg gebracht.

Opfer der Aktion T4

Nähere Hinweise über sein Lebensende gibt es im Buch von Ernst Klee „Dokumente zur Euthanasie“ auf Seite 186: Die „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ hatte am 29. Mai 1941 den Tod von Wilhelm Zieher beschlossen. Am 17. Juni 1941 wurde er mit mindestens zwei anderen Männern aus dem Tempelhof von der „Anstalt Weinsberg“ nach Hadamar in Hessen verlegt. Hadamar liegt etwa 70 Kilometer nordwestlich von Frankfurt/Main bei Limburg an der Lahn. Die ehemalige Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar gehörte ab 1941 zu den insgesamt sechs Tötungsanstalten der NS-Euthanasie im damaligen Deutschen Reich. Die Morde an geistig behinderten und psychisch kranken Menschen wurden in Berlin in der Tiergartenstraße 4 (Aktion T4) organisiert. In diesem Haus waren Dienststellen der Kanzlei Hitlers und des Reichsinnenministeriums untergebracht.

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Rot am See/Stuttgart

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand starben von 1941 bis 1945 rund 15.000 Menschen in den Räumen der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar. Von Januar bis August 1941 fanden die Morde zunächst in der Gaskammer im Keller statt. Die Menschen starben durch Kohlenmonoxid. Die Leichen der Opfer wurden nach der Vergasung in zwei Krematorien eingeäschert. Fast 11.000 Kinder, Frauen und Männer fielen diesen Gasmorden zum Opfer. Höchstwahrscheinlich war auch Wilhelm Zieher unter den Mordopfern. Eine schriftliche Nachfrage bei der Gedenkstätte Hadamar wurde bisher noch nicht beantwortet.
Den Mordbeschluss an Wilhelm Zieher hatte ein Mann namens Dr. Robert Müller unterschrieben. Dieser Dr. Robert Müller (1886 bis 1945) war seit 4. März 1941 einer der sogenannten „T4-Gutachter“. Er entschied über Leben und Tod. T4-Gutachter waren ärztliche Gutachter, die von der zuständigen Berliner Zentraldienststelle T4 berufen worden waren. Diese Ärzte wählten anhand von Meldebögen mit Daten von Kranken und Behinderten aus, wer in den speziell dafür eingerichteten Tötungsanstalten vergast wurde.

„Nicht heilanstaltsreif“

Die Nachricht vom Tod Ziehers ist auch in das Männeraltersheim Tempelhof bei Marktlustenau und Waldtann gelangt. Otto Knöll, „Hausvater der Anstalt Tempelhof“, hatte „zu Abrechnungszwecken bei den zuständigen Dienststellen nachgefragt und eine entsprechende Antwort erhalten“. Der Lehrer Otto Knöll war ab 1936 als „Hausvater der Anstalt Tempelhof tätig“. Die im Tempelhof wohnenden Menschen waren (Zitat Otto Knöll): „nicht heilanstaltsreif“.

Warum wurde Wilhelm Zieher vom Altenheim Tempelhof nach Weinsberg verlegt? Gesetzliche Grundlage für die Verlegung war ein „Erlass X 1127“ des württembergischen Innenministers vom 3. März 1941. Nach der Verkündung des Erlasses ging es ganz schnell. Bereits am 12. März 1941 geht ein Brief vom evangelischen Pfarramt Marktlustenau an das evangelische Pfarramt in Gellmersbach (damals zuständig für die Heilanstalt Weinsberg). Da­rin steht unter anderem: „Am kommenden Freitag werden von der Anstalt Tempelhof (Altersheim), deren Vertretung ich zurzeit habe, drei Männer nach Weinsberg zur Beobachtung verbracht werden. Ihre Namen sind Z., L. und F. (Redaktionelle Anmerkung: Abkürzungen für Zieher, Lackner und Feuchter). Wäre es Ihnen eventuell möglich, bei der Anstaltsleitung darauf hinzuweisen, dass jedenfalls die beiden Letztgenannten noch wohl in der Lage sind, kleine Arbeiten zu leisten? Vielleicht, dass ihnen das von Nutzen sein könnte.“

„Meine Pflicht, zu helfen“

Weiter heißt es: „Es ist einem als Seelsorger ein rechtes Anliegen, für diese Leute einzutreten. Einer von ihnen, Z(ieher), teilte mir neulich im Gespräch mit, dass er nach Weinsberg verbracht werden sollte. Ich habe ihm gegenüber natürlich nichts von der möglichen Bedeutung dieser Verbringung geäußert. Aber ich halte es für meine Pflicht, alles zu tun, um ihnen zu helfen. (…) PS: Ich füge noch bei – so am letzten Sonntag – dass sich die drei genannten Männer auch am Gottesdienst beteiligten; zum Teil geschah dies sogar regelmäßig. Bei der durchaus nicht selbstverständlichen Sitte des Gottesdienstbesuchs unter den Männern des Altersheims ist mir dies ein Beweis, dass von einem Erlöschen jeglichen selbständigen, geistigen Lebens bei ihnen wohl nicht die Rede sein kann. Diesen Eindruck hatte ich auch bei meinen Gesprächen mit diesen Männern.“ Ende des Zitats.

Der Pfarrer von Gellmersbach bei Weinsberg hat das Schreiben aus Marktlustenau am 14. März 1941 an Dr. Eugen Joos, den damaligen Leiter der Heilanstalt Weinsberg, weitergeleitet. Joos antwortete noch am gleichen Tag: „Ich habe Ihr Schreiben von heute über die Tempelhofer Patienten zur Kenntnis genommen und werde es so weit wie möglich berücksichtigen. Informationen kann ich Ihnen aus naheliegenden Gründen nicht geben.“
Am 4. April 1941 teilt Joos dem württembergischen Innenministerium mit, die drei Patienten aus Tempelhof seien „zur Beobachtung auf Arbeitsfähigkeit“ in Weinsberg geblieben. Am 17. Juni 1941 wurden sie dennoch nach Hadamar abtransportiert.

Akten nicht auffindbar

1948 erzählte Otto Knöll, der ehemalige Leiter der Anstalt Tempelhof, weitere Einzelheiten zur Verlegung: „Aufgrund des Erlasses des württembergischen Innenministers vom 3. März 1941 mussten dann drei Kranke, Feuchter, Lackner und Zieher, nach Weinsberg verlegt werden. Ich wusste nicht, welchen eigentlichen Zweck diese Verlegung hatte. Ich habe über jeden dieser drei Kranken der Heilanstalt Weinsberg einen Bericht gesandt, die Durchschläge derselben befinden sich bei den Akten der Anstalt Tempelhof. (…) Über das Schicksal der drei Pfleglinge erfuhr ich zunächst nichts. Wie die Akten ergeben, sind dann einige Zeit später, aufgrund unserer zum Zwecke der Abrechnung eingeholten Nachfragen, Todesnachrichten eingelangt“, berichtet der ehemalige Tempelhof-­Heimleiter weiter. Die Akten zu diesen Todesfällen waren bei Recherchen im Archiv der Evangelischen Landeskirche in Stuttgart nicht auffindbar.

Wilhelm Zieher sei ein stiller, etwas träger Mann gewesen, sind sich einige zwischen 1994 und 1997 befragte Zeitzeugen aus Mistlau einig. Er habe keine Kinder gehabt, zu denen er nach dem Tod seiner Frau hätte gehen können. Eine Schwester von ihm habe seinerzeit in Schwäbisch Gmünd gewohnt.
Zeitzeugen berichten weiter: Nachdem Wilhelm Zieher nicht mehr in Mistlau lebte, sei sein Eigentum (etwa acht Morgen Land – knapp drei Hektar) zunächst an den NS-Staat gegangen. Danach soll Karl Gesell, vermutlich in seinen Funktionen als NS-Zellenleiter, NS-Blockwart und Ortsanwalt von Mistlau, das kleine Zieher-­Anwesen verkauft haben.