Crailsheim Nicht alles ist Waldorf

Hannelore Nawroth hat den Waldorfkindergarten in Crailsheim mit aufgebaut und ist begeisterte Waldorf-Pädagogin. Doch nicht alles in ihrem Leben ist auf die Lehren Rudolf Steiners ausgerichtet.
Hannelore Nawroth hat den Waldorfkindergarten in Crailsheim mit aufgebaut und ist begeisterte Waldorf-Pädagogin. Doch nicht alles in ihrem Leben ist auf die Lehren Rudolf Steiners ausgerichtet. © Foto: Julia Vogelmann
Crailsheim / Julia Vogelmann 26.06.2018
Hannelore Nawroth ist maßgeblich daran beteiligt, dass Waldorfpädagogik in Crailsheim inzwischen eine festen Platz in der Landschaft der pädagogischen Einrichtungen hat.

Mir ist wichtig, dass ich mich nicht nur bei Waldorf verorte, da bekommt man Scheuklappen“, sagt Hannelore Naw­roth ganz zu Beginn des Gesprächs. Dennoch gibt sie zu, dass der Waldorfkindergarten einen Großteil ihrer Zeit in Anspruch nimmt. Auffällig ist, dass sie dabei keinen Unterschied macht zwischen Zeit und Arbeitszeit und lachend erzählt, dass sie sich auch zu Hause manchmal am Telefon mit „Waldorfkindergarten“ meldet. Ein Stück weit wird daran deutlich, dass Waldorfpädagogik für sie auch Berufung ist, nicht nur Beruf.

In Berührung gekommen damit ist die heute 58-jährige Erzieherin bereits früh in ihrer Ausbildung in Heilbronn, woher sie ursprünglich stammt. „Waldorf ist bei mir ganz früh passiert“, formuliert sie es als etwas Unausweichliches, als etwas, das sie gefunden hat, ohne danach aktiv gesucht zu haben. „Das Kind entwickelt sich selbst, und ich gebe als Erwachsener Hilfestellung, ohne in eine Richtung zu ziehen, zu schieben oder zu lenken, einfach indem ich das richtige Umfeld biete und Vorbild bin. Ich habe schnell gemerkt, dass das meins ist“, versucht sie sich an einer zusammenfassenden Erklärung. Was ihr an dem Ansatz ebenfalls gefällt, ist, dass der Pädagoge an sich selbst arbeiten muss, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Durch den Wunsch, mit ihrer eigenen Familie in einer anthroposophischen Gemeinschaft zu leben, verschlug es sie nach der Ausbildung mit Mann und Kind nach Weckelweiler, wo sie den Waldorfkindergarten mitbegründete. Der berufliche Einstieg war damit nur noch eine Zeitfrage. Als 1994 für die Gründung einer Spielgruppe in Maulach Mitstreiter gesucht wurden, war sie dabei, und der Grundstein für den Waldorfkindergarten, der heute in einem nagelneuen Gebäude in Crailsheim untergebracht ist, war gelegt. „Ich kann mir für Kinder nichts anders vorstellen. Es ist einfach die stimmigste Art, Pädagogik zu machen“, betont Hannelore Nawroth auch heute noch, nachdem sie schon so viele Berufsjahre hinter sich hat. Doch sie gibt auch zu, dass die Ressourcen mit dem Alter abnehmen und die Nerven schlechter werden. „Wenn ich heimkomme, bin ich erst einmal fertig mit der Welt“, scherzt sie.

Genau deshalb ist es ihr auch wichtig, ein Gegengewicht zu schaffen zu dem großen Bereich, den ihr Beruf einnimmt. „Ich bin gerne mit Menschen zusammen, pflege Freundschaften intensiv und habe ein reges Freizeitleben“, sagt sie und erzählt von Kinobesuchen und Tanzengehen, Treffen mit Freunden und wie sehr sie den Umgang mit Erwachsenen genießt, um die Balance zu halten. Dazu versucht sie außerdem, ein politischer Mensch zu sein, auch wenn sie vor einigen Jahren gemerkt hat, dass sie nicht die zeitlichen Kapazitäten hat, um sich tatsächlich aktiv politisch zu engagieren. Stattdessen versucht sie tagespolitisch möglichst viel mitzubekommen und sich eine Meinung zu bilden.

Ebenso wichtig ist ihr eine bewusste Lebensweise, und sie gibt zu: „Ich würde mich gern mehr für die Umwelt einsetzen.“ Solange sie die Zeit dazu nicht findet, versucht sie diese Einstellung in ihr tägliches Leben zu integrieren, fährt leidenschaftlich Rad und achtet darauf, welche Lebensmittel sie einkauft. Dazu passt ihr Engagement für Nachhaltigkeit, das sich auch in Aktionen ausdrückt, die sie mit initiiert, wie etwa die Kleidertauschbörse des Waldorfvereins.

Doch bei aller Begeisterung für die Waldorfpädagogik hat Hannelore Nawroth den kritischen Blick auf ihr Umfeld nicht verlernt, weigert sich, in einer „Blase“ zu leben. Nach einem Ausflug in die Fachberatung etwa hat sie gemerkt, dass sie mit ihren Ansichten und Einstellungen vor Ort im Kindergarten sinnvollere Arbeit leisten kann. Inzwischen, so gibt sie zu, hat sie sich allerdings ein wenig von der Initiatorin, die andere mitreißt, zu jemanden gewandelt, der sich zwar einbringt, doch anderen das Ruder überlässt. „Den Jüngeren“, wie sie scherzhaft sagt.

Möglichst grüner Fußabdruck

Wenn sie gerade nicht unterwegs ist, liest sie übrigens gern auf ihrem kleinen Balkon, wo sich Erdbeeren, Tomaten und Schnittlauch den Platz mit ihr teilen. In den Urlaub fährt sie am liebsten nach Italien. Flugreisen meidet sie. Ihr Fußabdruck soll so grün wie möglich bleiben.

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