Literatur Nazis waren für ihn die Antichristen

Dr. Robert Zoske (Bildmitte) las im Crailsheimer Arkadenforum auf Einladung von Stadtarchivar Folker Förtsch und Ursula Mroßko, der Vorsitzenden des Arbeitskreises „Weiße Rose“, aus seiner neuen Hans-Scholl-Biografie.
Dr. Robert Zoske (Bildmitte) las im Crailsheimer Arkadenforum auf Einladung von Stadtarchivar Folker Förtsch und Ursula Mroßko, der Vorsitzenden des Arbeitskreises „Weiße Rose“, aus seiner neuen Hans-Scholl-Biografie. © Foto: Andreas Harthan
Crailsheim / Andreas Harthan 13.06.2018
Dr. Robert Zoske stellt seine Biografie über Hans Scholl in Crailsheim, der Heimatstadt des Widerstandskämpfers, vor. Der Theologe betont die tiefe Religiosität des jungen Mannes.

Was soll man von einem Buch halten, in dem gleich zu Beginn steht, dass Hans Scholl „in dem kleinen schwäbischen Städtchen Ingersheim“ geboren worden ist? Da legt jemand eine Biografie über den Kopf der „Weißen Rose“ vor, und dann so ein Fauxpas! Wer das Buch dennoch liest, erkennt seine Stärken, und sieht dem Autor die doppelte Ungenauigkeit nach – Ingersheim ist bis heute nicht schwäbisch und war nie Stadt.

Jetzt weiß das auch Dr. Robert Zoske, der Autor der neuesten Hans-Scholl-Biografie. Gestern  besuchte er das Geburtshaus von Hans Scholl und lernte dabei, dass Ingersheim bis 1940 eine selbständige Gemeinde war, und dann nach Crailsheim eingemeindet wurde. Zoske stellte am Abend zuvor im Arkadenforum ausführlich dar, dass Scholl 1937 nicht nur wegen bündischer Umtriebe angeklagt war, sondern auch wegen, wie es damals hieß, Verbrechen nach den Paragrafen 175 und 174. In diesen beiden Paragrafen des Strafgesetzbuches wurde „Unzucht“ zwischen Männern und Missbrauch eines Unterordnungsverhältnisses sanktioniert. Heute steht außer Frage, dass Hans Scholl als 16-Jähriger mit einem noch jüngeren Buben aus der Hitlerjugend Sex hatte. Auch deshalb kam er 1937 mehrwöchig in Untersuchungshaft.

Die neue Biografie mit dem Titel „Flamme sein!“ geht auf die Doktorarbeit von Zoske aus dem Jahr 2014 zurück, in der er sich mit der religiösen Entwicklung von Hans Scholl befasste. Auch in seinem neuesten Werk, dass er auf Einladung des Stadtarchivs und des Arbeitskreises „Weiße Rose“ in Crailsheim vorstellte, befasst er sich intensiv mit der Religiosität des jungen Mannes, der 1943 im Alter von 24 Jahren von den Nazis hingerichtet worden ist, und heute zu den bekanntesten deutschen Widerstandskämpfern gehört. Es ist das große Verdienst des Theologen Zoske, der bis 2017 als Pastor gearbeitet hat, aufzuzeigen, wie sehr sich Hans Scholl schon als Jugendlicher als Christ verstanden hat. Als junger Mann begriff er sich dann als Werkzeug in göttlicher Hand, als „Waffe“ gegen den Antichristen Adolf Hitler. Scholl, aus einem protestantisch-pietistisch geprägten Elternhaus kommend, verstand seinen Widerstand also nicht primär politisch, sondern, wie es Zoske formuliert, „als Kampf zwischen Himmel und Hölle, zwischen Gott und Teufel, zwischen Christ und Antichrist“.

Wer sich für Hans Scholl interessiert, kommt an dem Zoske-Buch nicht vorbei, weil es eine kleine Sensation enthält – Gedichte des Studenten aus dem Jahr 1938, die bislang unbeachtet im Institut für Zeitgeschichte in München aufbewahrt wurden. Auch sie künden von der tiefen Religiosität eines jungen Menschen, der im Protestantismus aufgewachsen ist, sich aber mehr und mehr zum Katholizismus hingezogen fühlte. In diesen Gedichten artikuliert sich ein Mensch, der sich auf der Suche befindet, sich immer wieder existenziellen Fragen aussetzt. Der dritte gewichtige Grund, der jüngsten Scholl-Biografie eine erhebliche Bedeutung zuzumessen, ist der Umstand, dass der Autor offen mit der oszillierenden Sexualität des jungen Mannes umgeht. War Hans Scholl homosexuell? Zoske sagt, er sei bisexuell gewesen, „er liebte Jungen und Mädchen“.

Komplexer Charakter

Der Geschichtsforscher Manfred Herzer würdigt das neue Buch von Zoske so: „Eine komplizierte Sexualität und eine nicht minder komplizierte Religiosität, beides, Sex und Glaube, von einer Fülle eigentlich unvereinbarer Gefühle getrieben, bilden in Scholls Persönlichkeit eine unauflösbare Einheit, die ihn auf seinem Weg zum antifaschistischen Märtyrer wie ein Schatten begleitet. Eine Ahnung von der Genese dieser komplexen, patchworkartigen Charakterstruktur vermittelt zu haben, ist gewiss nicht das geringste Verdienst dieses Buches.“

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