Adolf Hitler amtierte noch keine zwei Monate als Reichskanzler, das sogenannte Ermächtigungsgesetz – ein zentraler Pfeiler der gerade im Aufbau befindlichen NS-Diktatur – war am Tag zuvor in der Berliner Kroll-Oper verabschiedet worden, da zeigten die neuen Herren auch in der Region um Bad Mergentheim schon ganz ungeniert ihre grausige Fratze. Jene Menschen, die sie zu Feinden erklärt hatten, sollten ja kein Erbarmen erwarten: Ihr Leben würde fortan eine einzige Drangsal sein.

Erste NS-Opfer

Am 25. März 1933 erreichten zwei Lkw aus Heilbronn mit zehn Polizisten und 30 SA-Leuten früh am Morgen Niederstetten. Zehn Juden und zwei Sozialisten wurden ins Rathaus gebracht und mit Stahlgerten entsetzlich zugerichtet. Der Saal war danach blutverschmiert. „Für die Sitzung am Abend wurde der Saal gereinigt: Hindenburg und Hitler wurden dort an diesem 25. März zu Ehrenbürgern der Gemeinde ernannt“, schreibt Hartwig Behr in seinem Buch „Zur Geschichte des Nationalsozialismus im Altkreis Mergentheim 1918–1949“. Ebenfalls an diesem Tag teilte sich die Schlägertruppe und wütete auch noch in Weikersheim und Creglingen. Der Pferdehändler Hermann Stern und der Viehhändler Arnold Rosenfeld aus Creglingen starben an den Folgen der Misshandlungen.

Behr wirft nicht einfach Schlaglichter auf das Grauen zwischen 1933 und 1945, sondern ordnet den Nationalsozialismus als historisches Phänomen der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg ein. In fünf Großkapiteln mit jeweils fünf Unterkapiteln beschäftigt er sich also nicht nur eingehend mit der sogenannten „Machtergreifung“, die eigentlich eine Machtübertragung war, mit Aspekten des alltäglichen Lebens in der Diktatur und der Zeit des Zweiten Weltkriegs, sondern auch mit der vo­rausgehenden Weimarer Zeit und der langen „Stunde Null“ bis zur Gründung der Bundesrepublik.
Das Unrecht fiel nicht vom Himmel, sondern es bahnte sich an, drang langsam, zeitweise fast unbemerkt in die Sollbruchstellen einer von der Kriegsniederlage zutiefst getroffenen Gesellschaft ein. Blendet man das Wissen über das weitere Geschehen aus, erscheint die NSDAP der 1920er-Jahre nur als eine der zahlreichen wenig ernst zu nehmenden Splittergruppen der Weimarer Republik. Behr beschreibt das ebenso sachlich, fundiert und faktenreich wie die Ereignisse der folgenden zwei Jahrzehnte.
Der Leser begegnet etwa Friedrich Schmidt aus Wiesenbach, einem jungen Lehrer und „Trommler der Bewegung“, der als Erster öffentlich eine politische Rede für die NSDAP in Bad Mergentheim hielt. Man begegnet auch Reinhold Seiz, einem Zeichenlehrer, der sich 1931 plötzlich dem Nationalsozialismus zuwandte, ­NSDAP-Kreisleiter wurde und bis 1945 „Herrscher“ des Kreises blieb, ehe er sich das Leben nahm. Und Hermann Umfrid, dem Niederstettener Pfarrer, der sich in einer Predigt gegen die eingangs beschriebene Misshandlung wandte und anschließend in den Selbstmord getrieben wurde.
Erschütternd auch die Geschichte des polnischen Zwangsarbeiters Boleslaw Galus, der ein Verhältnis mit zwei jungen Frauen aus Bronn einging: Der Weikersheimer Ortgruppenleiter Hofmann zimmerte den Galgen, an dem Galus am frühen Morgen des 27. Juni 1941 gehenkt wurde, selbst. Andere Zwangsarbeiter mussten die Hinrichtung mitansehen.
Die beiden Frauen kamen ins KZ Ravensbrück, eine davon starb wohl dort. Nach der Urteilsverkündung waren sie mit jeweils halb geschorenem Kopf auf dem Ellwanger Marktplatz zur Schau gestellt worden.
„Schaudernd stehen wir vor den Abgründen menschlicher Bosheit und Verkommenheit“, sagte der von den Amerikanern eingesetzte Mergentheimer Bürgermeister Dr. Karl Herz am 25. November 1945 bei einer Gedächtnisfeier in der Wandelhalle. Letztlich steht man als Leser bis heute schaudernd und fassungslos daneben.
Behr hatte das Buchprojekt ursprünglich mit Claus Peter Mühl­eck, dem 2012 gestorbenen Redaktionsleiter der „Tauber Zeitung“, verwirklichen wollen. Eine Zeit lang lag es auf Eis. Umso erfreulicher, dass der Autor nun zu einem solch überzeugenden Ergebnis gekommen ist. Man kann sich dem Vorwort von Prof. Dr. Thomas Schnabel nur anschließen: „Es bleibt zu hoffen, dass es viele Menschen lesen und es vor allem in den Schulen weite Verbreitung findet.“
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Metzingen