Crailsheim Nach der Schule in den Stall

Crailsheim / Christine Hofmann 13.12.2018
Der zwölfjährige Jesse Frank reist mit seiner Familie und dem Circus Alberti das ganze Jahr von Ort zu Ort. Im Winterquartier in Crailsheim verbringt er die längste Zeit in einer Schule.

Wenn Jesse Frank (12) mit seiner Familie im Spätherbst nach Crailsheim kommt, fühlt es sich für ihn ein bisschen so an, als käme er nach Hause. Nirgendwo sonst lebt er so lange an einem Ort wie hier, erst im Februar zieht der Zirkus Alberti, den sein Vater Wolfgang Frank leitet, weiter.

Jesse lebt mit seinen Geschwistern Leonardo (18), Samuel (16) und Selina (9) und seinen Eltern in einem Wohnwagen. Das ganze Jahr über ist der Zirkus in Süddeutschland unterwegs. Wenn er sein Quartier in Crailsheim aufschlägt und die großen Zelte für den Weihnachtszirkus aufbaut, gehen Jesse und seine kleine Schwester Selina besonders gern in die Schule, denn hier kennen sie sich aus.

Freunde gefunden

„Ich habe Freunde in der Schule“, sagt der Zwölfjährige. „Sie kommen mich manchmal besuchen.“

Jesse besucht stets die gleiche Klasse an der Eichendorffschule, schon von der ersten Klasse an. Mittlerweile ist er ein Sechstklässler – und kennt seine Mitschüler gut. „An den meisten Schulen bin ich nur eine oder zwei Wochen, in Crailsheim bin ich so lange, bis der Winter zu Ende ist“, erzählt er.

Am ersten Schultag gibt Jesse stets sein Schultagebuch im Sekretariat ab. Hier wird genau dokumentiert, an welchen Tagen er den Unterricht besucht hat. Bevor er mit dem Zirkus in die nächste Stadt reist, bekommt er eine Beurteilung, aus der die Lehrer an seiner nächsten Schule sehen können, mit welchen Themen er sich beschäftigt hat. Jesse: „Meine Lieblingsfächer sind Sport, Mathe und Kunst.“

An der Eichendorffschule werden schon seit Jahrzehnten Kinder aus Zirkusfamilien oder von Schaustellern auf Zeit aufgenommen. „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Rektor Oliver Grau. „Es ist kein Problem, die Kinder zu integrieren.“ Sie kämen stets in dieselben Schulklassen, um ein gewohntes Lernumfeld vorzufinden.

Wenn Jesse nachmittags nach Hause kommt, kümmert er sich um die Zirkustiere. Die Hasen und Enten versorgt er selbstständig. Dann schaut er nach, ob die Pferde, Esel und Kamele noch genügend Wasser haben oder eine Gabel Heu vertragen könnten. „Ich bin gern bei den Tieren“, sagt der Zwölfjährige. „Ich will später einmal Tierdressuren machen und einen Zirkus leiten.“

Manchmal übt er auch Jonglieren und Gleichgewichthalten auf einer Rolle. Und natürlich bleibt immer noch genügend Zeit zum Spielen und für die Hausaufgaben. „Lernen ist wichtig“, weiß Jesse.

Im Crailsheimer Weihnachtszirkus, der am Freitag, 21. Dezember, Premiere feiert, ist Jesse Frank in der Rolle eines Wichtels zu sehen. Außerdem hat er bei den Aufführungen – gespielt wird bis zum 6. Januar – eine wichtige Aufgabe: Er ist als Techniker für das Licht zuständig. „Da muss man gut aufpassen. Das Licht muss genau mit dem letzten Schlagzeugschlag ausgehen.“

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