Geschichte Mit den „68-ern“ wird ein Mythos 50

Kurator Dr. Sebastian Dörfler bei seinem Vortrag in Crailsheim vor einem Foto des drei Meter hohen Mao-Plakats, das der Künstler Ulrich Bernhardt 1967 als Student für einen Wettbewerb gemalt hatte. Dafür wäre er fast von der Stuttgarter Kunstakademie geflogen.
Kurator Dr. Sebastian Dörfler bei seinem Vortrag in Crailsheim vor einem Foto des drei Meter hohen Mao-Plakats, das der Künstler Ulrich Bernhardt 1967 als Student für einen Wettbewerb gemalt hatte. Dafür wäre er fast von der Stuttgarter Kunstakademie geflogen. © Foto: Ursula Richter
Crailsheim / Ursula Richter 14.03.2018

Das Haus der Geschichte in Stuttgart bietet seit Weihnachten eine Sonderausstellung zu dem von Wandel und Umbruch, vor allem aber Zukunftsoptimismus und Aufbruchsstimmung getragenen „Scharnierjahrzehnt“. Als einer der Kuratoren gab der Historiker einen systematischen Überblick über die aktuelle große Ausstellung, die noch bis zum 24. Juni des Jahres zu sehen ist.

„Das interessanteste Nachkriegsjahrzehnt“ stellte Folker Förtsch in seiner Begrüßung der vom Stadtarchiv und dem Crailsheimer Historischen Verein eingeladenen Zuhörer fest. Anlass ist ein Jubiläum: „Der deutsche Geschichtsmythos ‚68‘ wird 50 Jahre alt.“ Für die einen ist es laut Dörfler das Ende einer bleiernen Zeit mit „antiquierten Moralvorstellungen, autoritären Werten und lediglich formaler Demokratie“, für die anderen der Beginn eines Niedergangs.

Die studentische Protestbewegung gegen „Kapitalismus, Militarismus, alte und neue Nazis, autoritäre Politiker, Lehrer und Publizisten“, wie der Historiker das zusammenfasst, ist eine internationale. Dass sich im Nachhinein die Chiffre „68“ einspielt, liegt auch am Mai 1968 in Frankreich, der mit einem Generalstreik, der Ablösung von Premierminister Pompidou und dem Rücktritt von Staatspräsident Charles De Gaulle vollkommen andere Dimensionen hatte. Die Fokussierung auf die Bundesrepublik und dann noch einmal auf Baden-Württemberg muss diese Einordnung vernachlässigen. Dafür haben die 285 Objekte der Ausstellung und die zwölf Hörstationen den Reiz des Lokalen und der Naherfahrung.

Club of Rome beendet die Party

Ausgewählt wurden sechs Themen. Dabei entschied man sich für den Zeitraum der „langen 60er Jahre“ mit den Eckdaten 1958 und 1973. Vollbeschäftigung und die günstige Konjunktur ab Ende der 50er, der Beginn der Freizeitgesellschaft, Urlaubsreisen und das Fernsehen schaffen die Vorbedingungen. Mit den unerfreulichen Einsichten der „Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome (1973) endet die Party.

Ein in seiner Bedeutung kaum zu überschätzender Aspekt ist die Musik, der „Klang der Revolte“. Jazz, vorher noch als „ekelerregende Negermusik“ geschmäht, und der Rock ’n’ Roll der jungen Arbeiter bereiten das Terrain, auf dem der Beat entsteht. Ab Anfang der 60er bildeten sich in der BRD circa 25 000 Amateurbands.

Musikexperte Christoph Wagner weiß, warum: „Mit drei Akkorden kam man weit.“ Anglo­amerikanische Musik begeisterte auch aus anderen Gründen: „Englisch zu singen reichte völlig aus, um die alte Generation den Krieg noch mal verlieren zu lassen“, freute sich Wolfgang Seidel von „Ton, Steine, Scherben“.

Die Geschlechterverhältnisse und die sexuelle Revolution mit der Akzeptanz des außerehelichen Geschlechtsverkehrs sind ein weiterer Schwerpunkt. Schon die Pille, aber noch nicht Aids, das verschaffte in den zwei Jahrzehnten nach 1961 singuläre Freiheitsräume.

Minirock als Konjunktur-Index

Äußerlich war das auch an der Minimode ablesbar. Wenn man nach dem Rocksaum-Index geht, der einen Zusammenhang zwischen der Rocklänge und der Konjunktur herstellt, gab es nie bessere Zeiten als die 60er. Hippies, die machtvolle Ostermarschbewegung, Vietnam-Demonstrationen sogar in Schwäbisch Hall mit einer Rede Rudi Dutschkes im Neubau-Saal, die APO und die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze: Der Historiker Edgar Wolfrum spricht von einer „partizipatorischen Revolution“.

Die Auseinandersetzungen eskalierten. Transparente wurden an Eisenstangen befestigt, Steine und Molotowcocktails flogen, und Anfang der 70er waren Minderheiten bereit für den Terrorismus der RAF. Ein „Zerfallsprodukt“ der studentischen Linken oder „das insgeheime Magnetfeld der 68er-Bewegung“?

Mehr zur Zeit in Stuttgart

Wer sich ein detailgesättigtes Bild machen möchte, um zu erfahren, wie sich nicht nur die Zeiten, sondern auch wir uns in ihnen geändert haben, kann in Stuttgart mehr dazu erfahren.

Infokasten über die langen 60er Jahre

1958 „Bill Haley and his Comets“ auf dem Killesberg (59 zerstörte Stühle)’
1958 Abschaffung des Letztentscheidungsrechtes von Ehemännern: Ehefrauen dürfen ein von ihnen in die Ehe eingebrachtes Vermögen selbst verwalten. Ehemänner verlieren das Recht, ein Dienstverhältnis ihrer Frau fristlos zu kündigen
1959 Mary Quant entwirft Miniröcke und -kleider
1960 Verdoppelung der Zahl der Studenten in der BRD bis 1970
1961 1.Ostermarsch in Baden-Württemberg gegen eine nukleare Bewaffnung der BRD und das Wettrüsten
1961 Antibabypille
1963 J. F. Kennedy in Westberlin
1963 Bundesurlaubsgesetz: Garantie eines Jahresurlaubes von mindestens 3 Wochen
1963 F.J. Strauß tritt wegen der „Spiegelaffäre“ zurück’

1964 Gründung der NPD

1965 Gründung des Stuttgarter „Club Voltaire“ im Leonardsviertel
1966 Beginn der Proteste gegen den Vietnamkrieg
1966 1. Große Koalition (90 % der Abgeordneten)
1966 Gründung des „Außerparlamentarischen Opposition“ APO
1966 Gründung des „Club Alpha 60“ in SHA
1967 Benno Ohnesorg wird in Westberlin von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen
1967 die Bewohner der „Kommune I“ posieren nackt an eine Wand gelehnt auf einem Foto
1968 Vietnamdemonstration mit bis zu 1000 Teilnehmern in SHA
1968 Beschluss der Notstandsgesetze
1968 Studentenführer Rudi Dutschke wird von Josef Bachmann in den Kopf geschossen
1968 Osterunruhen mit Straßenschlachten in den großen Universitätsstädten der BRD mit 400 Verletzten und 2 Toten
1968/69 „Heidelberger Winter“: Studenten behindern mit einer von der Polizei mit Schlagstöcken aufgelösten Sitzblockade die Auslieferung der Rhein-Neckar-Zeitung
1969 Jimi Hendrix tritt in Stuttgart auf
1969 Liberalisierung des §175 „Widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts“ über 21
1970 Eigene Clubzeitschrift „Alphapress“ (2011 eingestellt) gegen die Berichterstattung des „Haller Tagblatt“
1970 die Landesregierung verbietet den baden-württembergischen SDS
1970 „Woodstock am Bodensee“: mehrtägiges Open-Air-Rockkonzert in Konstanz mit 7000 Besuchern und Dauerregen
1970 Beginn von Jugendzentrumsinitiativen
1972 Willi Hoss wird mit einer eigenen Liste in den Betriebsrat von Daimler gewählt
1972 Kultusminister Wilhelm Hahn lässt mit 1100 Polizisten die Heidelberger Universität absperren, um eine Veranstaltung mit dem Psychologieprofessor Peter Brückner zu verhindern
1973 Ölkrise, Sonntagsfahrverbote, Beginn einer lang anhaltenden Wirtschaftskrise

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