Handwerk Meisterpflicht in der Kritik

Vor zehn Jahren wurde der Meisterzwang bei Fliesenlegern abgeschafft. Seither hat sich die Anzahl an Fliesenfachbetrieben in der Region verfünffacht. Archivfoto
Vor zehn Jahren wurde der Meisterzwang bei Fliesenlegern abgeschafft. Seither hat sich die Anzahl an Fliesenfachbetrieben in der Region verfünffacht. Archivfoto
LISA-MARIA MÜLLER 05.03.2014
Die EU-Kommission verfolgt das Ziel, den Zugang zu vielen Berufen zu erleichtern. Zulassungsregeln sollen deshalb auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden. Auch der Meisterbrief steht im Visier der Union.

In Deutschland hat das Handwerk eine lange Tradition. Der Bäcker knetet seinen Semmelteig und der Tischler beherrscht die Arbeit mit dem Holz aus dem Effeff. Für den Weg in die Selbstständigkeit benötigt man in diesen und 39 weiteren Handwerksberufen bisher einen Meisterbrief. Um die Freizügigkeit qualifizierter Fachkräfte auf dem europäischen Binnenmarkt zu garantieren, will die EU-Kommission alle Hemmnisse, die der ungehinderten Berufsausübung im Wege stehen, auf den Prüfstand stellen - dazu zählt auch das Meisterzertifikat. Von der Erleichterung des Berufszugangs hält das Handwerk nur wenig.

"Generell unterstützen wir es, wenn Strukturen in regelmäßigen Abständen daraufhin überprüft werden, ob sie sinnvoll, notwendig und noch zeitgemäß sind. Da der Meisterbrief aber das Herzstück der überall in Deutschland und Europa hochgelobten dualen Ausbildung darstellt und eine Abschaffung beziehungsweise Deregulierung dieses Erfolgsmodells torpedieren würde, halten wir von den Überlegungen der EU-Kommission überhaupt nichts", betont Ralf Schörr, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Heilbronn-Franken.

Die EU-Kommission meldet nicht zum ersten Mal Zweifel an, ob der Meisterbrief noch zeitgemäß ist. Bereits vor zehn Jahren wurde für insgesamt 53 Handwerksbetriebe der Meisterzwang abgeschafft - mit fatalen Folgen für die Kunden. Im Fliesenlegerhandwerk haben sehr viele die Chance genutzt, sich ohne ausreichende Qualifizierung selbstständig zu machen. "Zahlreiche Kunden haben in diesem Gewerk die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass das billigste Angebot nicht das wirtschaftlichste und günstigste sein muss. Durch das mangelnde Wissen über Materialien und Techniken kommt es zu Problemen bei der Beratung der Kunden", ist sich Schnörr sicher.

Die Anzahl an Fliesenleger-Betrieben hat sich in der Region zwischen 2002 und 2013 fast verfünffacht - von 138 auf 659 Unternehmen. Davon haben gerade einmal 72 einen Meisterbrief. "Der Meisterbrief ist ein Qualitätssiegel", betont Frank Jähler, der seit 1991 einen Fliesenlegerfachbetrieb in Schwäbisch Hall führt. "Die Abschaffung des Meisterzwangs bei Fliesenlegern war ein absoluter Quatsch. Den größten Nachteil haben vor allem die Verbraucher, da es seitdem immer mehr Pfuscher auf dem Markt gibt."

Aber nicht nur die Qualität der Arbeit leidet unter der Abschaffung des Meisterzwangs, sondern auch der Ausbildungsmarkt. "In der Region Heilbronn-Franken verfügt bei den zulassungsfreien Gewerken nicht einmal jeder fünfte Inhaber über einen Meisterbrief. Das führt unweigerlich zu sinkenden Ausbildungszahlen. Mit gut qualifizierten Betriebsinhabern ist untrennbar die Bereitschaft und Befähigung zur Ausbildung verbunden. Die duale Ausbildung ist in Gefahr, wenn der Meisterbrief abgeschafft wird. Gründer, die sich in zulassungsfreien Gewerken ohne Meisterbrief selbstständig machen, sind zum Großteil Ein-Mann-Betriebe und bleiben es auch", betont Schnörr.

Jähler fügt hinzu: "Hier in der Gegend gibt es auch viele solcher Betriebe. Die gehen aber meistens nach kurzer Zeit in Insolvenz, weil ihnen die betriebswirtschaftliche Ausbildung fehlt. Die kennen sich nicht mit Zahlen aus. Von daher sehe ich solche Firmen nicht als Konkurrenz an."

Die EU-Kommission stellt klar, dass sie in keinster Weise die Handwerksordnung aufheben wolle. Sie habe die Mitgliedsstaaten lediglich dazu aufgerufen ihre Zugangsschranken für regulierte Berufe zu begründen und zu hinterfragen. Sanktionen seien bisher laut der Union nicht vorgesehen.