Ein glückliches Händchen hatte die Crailsheimer Theatergemeinde gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen hatte sie sich eines Themas angenommen, das eigentlich "abgearbeitet" zu sein schien, jedoch von bedrückender Aktualität ist: die Unterdrückung des (schwarzen) Menschen durch den (weißen) Menschen. Zum anderen präsentierte sie mit "Onkel Toms Hütte" ein Schauspiel mit Musik, das an und für sich sehr gut auch für ein jugendliches Publikum geeignet gewesen wäre, indessen aber die treuen Älteren so stark in den Bann zog, dass sie weder mit Szenenapplaus sparten noch sich bei der Zugabe zurückgehalten hätten, gemeinsam mit dem Ensemble "This little light of mine" zu singen.

Einmal mehr scheinen Bert Brecht und Kurt Weill aus den 1920er Jahren Pate gestanden zu haben, denkt man an das epische Theater und die "Dreigroschenoper". Mit Ron Williams betritt ein Erzähler die Bühne, der sich direkt ans Publikum wendet, die Situation erklärt und die einzelnen Protagonisten der Reihe nach vorstellt. Zwei Zeit- und Handlungsebenen ergeben unterschiedliche, doch zusammenhängende Stränge: So befinden wir uns im Gefängnis im Staate Illinois, wo die vier Insassen aus verschiedenen Gründen einsitzen. Die zwei männlichen und zwei weiblichen Gefangenen spielen aus therapeutischen Gründen Theater, denn "Theater bringt Menschen zusammen". Wie nicht anders zu erwarten, werden die Grenzen zwischen den einzelnen Gattungen niedergerissen, und Schauspiel, Musik, Projektionen und Lichteffekte verbinden sich zu einem stabilen Ganzen.

Auf der Grundlage von Harriet Beecher Stowes Sensationsroman (1851) richtete Frank Lennart als Bühnenbildner und Regieführender für die Theaterspiele Kempf das "Schauspiel mit Musik" ein, das auf einer Idee von Gerold Theobalt basiert. Schlaglichtartig, durch Projektionen und Grafiken von James Gardiner anschaulich illustriert, werden unterschiedliche Stationen im Leben von Onkel Tom bis zu seinem plötzlichen Tod hin beleuchtet. Die ganze Zeit über ist der Keyboarder Barney (Michael Mufty Ruff, der musikalische Leiter) am linken Rand der Bühne präsent und als Tonangeber und Stimmungsträger unermüdlich tätig. Nicht weniger als vierzehn Songs, die allermeisten mit einem hohen Bekanntheitsgrad, werden dabei eingearbeitet und in unterschiedlicher Weise von dem fünfköpfigen Ensemble expressiv vorgetragen - mal solistisch, mal chorisch.

Die Theaterleute präsentieren sich in unterschiedlichen Rollen und entsprechenden Kostümen (von Gabi Schumacher eingerichtet). Neben Ron Williams als der Erzähler und als Onkel Tom kommen Karsten Kenzel als Dave, Shelby, St. Claire und Legree, Simon Berhe als Billy, George und Haley, Stephanie Marin als Sugar, Elisa, Marie und Cassy und nicht zuletzt Anna Takenaka als Hitomi, Chloe, Eva, Ophelia und Emmeline hinzu. Die jeweils ersten Rollen beziehen sich auf die Knast-Rahmenhandlung, in der die einzelnen Figuren jeweils intermittierend ein Psychogramm ihrer Gefängnisrollen abgeben. Ironisch-humorvoll kontrastieren diese teilweise mit dem Innengeschehen, beispielsweise sprachlich kommentiert mit "ein krasser Scheiß", teils ist die Knastfigur (ein tätowierter Brutalo) identisch mit ihrer Rolle als unmenschlicher Sklaventreiber.

Einfühlsam gestaltet Ron Williams den Sklaven Onkel Tom als mitfühlenden, zutiefst religiösen Menschen, dessen Gottvertrauen sich in seinem Kreuz, seiner Bibel, Gebeten und Spirituals wie "This is my prayer" dokumentiert. Wer Englisch beherrscht, ist dabei im Vorteil, aber die englischen Songtexte werden stets auch durch deutsche kommentierende Zusätze veranschaulicht. So war man stets auf der Höhe des Geschehens. Wie Williams konnten auch insbesondere Stephanie Marin und Anna Takenaka durch ihre expressiven Soli zu überzeugen.

Klar und kontrastreich wurden die Charaktere dargestellt: etwa die entscheidungsunwillige, Krankheit vorschützende, egozentrische Frau des Plantagenbesitzers, der zutiefst unbarmherzige, nur an Profit interessierte Sklavenhändler, der Plantagenbesitzer, der seine Sklaven lediglich als Arbeitskräfte sieht, die, wenn sie nicht mehr funktionieren, als quasi nachwachsender Rohstoff einfach durch andere ersetzt werden. Wer sich ihm widersetzt, soll ausgepeitscht werden. Als Onkel Tom sich weigert, wird er hinterrücks erschossen. Es gab viele, viele beeindruckende Szenen und Spirituals: "Go down Moses", "Old Man River", "Nobody knows the trouble I've seen". Besonders einprägsam für den Rezensenten war ein Standbild bei ausgeschaltetem Licht: Die Schwarzen wirken plötzlich weiß, die Weißen schwarz.

"Am Schluss ein Happy End?", fragt Ron Williams. Und ein Zeitsprung in die Gegenwart: "Onkel Toms Hütte" ist nach der Bibel das erfolgreichste Buch, ein Schwarzer sitzt im Weißen Haus, aber weltweit werden immer noch fünfzig Millionen Menschen als Sklaven gehalten. Ergo: "Zeigt mehr Empathie, mehr Menschlichkeit, mehr Liebe!"