Soziales Wohnen Massive Mieterhöhungen und ein Weihnachtsfest in Nöten

Mit den nunmehr präsentablen Fassaden in der Julie-Pöhler-Straße sind Mieterhöhungen um rund 70 Prozent verbunden.
Mit den nunmehr präsentablen Fassaden in der Julie-Pöhler-Straße sind Mieterhöhungen um rund 70 Prozent verbunden. © Foto: Birgit Trinkle
Crailsheim / Birgit Trinkle 14.12.2017
Für 36 Wohnungen in der Julie-Pöhler-Straße gibt es, wie abzusehen, drastische Mieterhöhungen, die Angst, Wut und Verzweiflung auslösen.

Die gefürchteten Briefe sind da. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass die Modernisierungsarbeiten abgeschlossen wurden“, heißt es da. Doch dann stockt den Mietern der Julie-Pöhler Straße 1 bis 5 und 7 bis 11 der Atem. Sie hatten befürchtet, dass die angekündigte Mieterhöhung drastisch ausfällt. Mit dem, was ihnen jetzt ins Haus steht, haben sie nicht gerechnet.

Drei Familien sind vertreten beim Gespräch mit dem HT; sie wollen ihre Namen nicht in der Zeitung sehen, aber ihre Verzweiflung öffentlich machen – einen anderen Weg sehen sie nicht mehr. Die junge Gastgeberin, die sich mit drei Sorten Selbstgebackenem und ihrer blitzblanken Wohnung so sehr bemüht hat, weiß nicht, wie’s weitergeht. Sie hat eine vierköpfige Familie mit einigen Verpflichtungen, sie selbst ist im Mutterschutz, ihr Mann derzeit Alleinverdiener. Ihre Warmmiete steigt von 580 auf 830 Euro.

Stephan Huß von der Primus Valor AG, die die Gebäude gekauft, saniert und an einen noch immer ungenannten Investor weiterverkauft hat, geht davon aus, dass die „energetische Ertüchtigung bei den Heizkosten ein Einsparpotenzial von 30 Prozent“ erzeugt; die Mieterhöhung könne durch die Senkung der Nebenkosten weitgehend ausgeglichen werden. Da lacht die Hausfrau ein sehr bitteres Lachen. „Nie im Leben.“ Alle Heizungen laufen auf Stufe 5, übermäßig warm ist es wirklich nicht.

Knapp 300 Euro mehr im Monat

Dann sind da die Eltern mit sechs Kindern, die sicher sind, dass sie „nie wieder eine Wohnung finden“. Genauso wissen sie, dass sie die ab März verlangte Miete nicht aufbringen können: Die alte Kaltmiete beträgt 411, die neue 703 Euro, mit den 355 Euro Nebenkosten kommt die Familie auf 1058 Euro für 108 Quadratmeter. Der Quadratmeterpreis ohne Heizung steigt damit von 3,80 auf 6,50 Euro – mithin um 71 Prozent.

Die Alleinerziehende mit drei Kindern und zwei Jobs zahlt künftig ebenfalls 703 Euro und kommt mit den Nebenkosten auf 938 Euro: „Das kann ich nicht zahlen.“ Es gibt Rentner hier im Haus, die wenig über 800 Euro monatlich beziehen. Die neue Miete, so ist immer wieder zu hören, ist „nie und nimmer“ und „unter gar keinen Umständen“ zu finanzieren. Auf Weihnachten freuen kann sich niemand. Tränen fließen.

Viel böses Blut gilt den Flüchtlingen, die Gerüchten zufolge einziehen sollen, sobald die jetzigen Mieter das Feld geräumt haben. Tamara Mürter vom Landratsamt Schwäbisch Hall versichert jedoch, dass der Landkreis keine Flüchtlingsunterkunft in der Julie-Pöhler-Straße plant. Auch die Stadt weiß nichts von entsprechenden Plänen des Eigentümers. Überzeugt sind die Mieter nicht: Irgendjemand muss Schuld tragen. Sie haben Angst, und sie sind zornig. Das Job Center in Crailsheim bestätigt die Befürchtungen derer, die auf Beihilfen angewiesen sind: Mietobergrenzen seien einzuhalten.

  • Ein Einpersonenhaushalt darf 45 Quadratmeter groß sein, bei einem Quadratmeterpreis von bis zu 6,10 Euro.
  • Bei zwei Personen gelten 46 bis 60 Quadratmeter als angemessen, bei einem Quadratmeterpreis von bis zu 5,60 Euro.
  • Drei Personen: bis 75 Quadratmeter à 5,40 Euro.

Wer bei seiner Miete unterstützt wird, muss sich diese Wohnung vom Jobcenter genehmigen lassen. Bei einer so drastischen Mieterhöhung kann zunächst etwa über den Mieterschutzbund oder aber auch mithilfe eines Prozesskostenbeihilfescheins des Amtsgerichts abgeklärt werden, ob diese rechtens ist. Nachdem aber Primus Valor darauf verweist, dass elf Prozent der Sanierungskosten – in diesem Fall über eine Million Euro – umgelegt werden können, dürfen sich die Bewohner der Julie-Pöhler-Straße wohl keine Hoffnungen machen. Ist die Wohnung dann zu teuer, wird das Jobcenter sechs Monate lang weiterzahlen, bei der Wohnungssuche und gegebenenfalls bei den Umzugskosten helfen.

Für Baubürgermeister Herbert Holl bewegt sich die bezahlbare Miete für Menschen mit geringem Einkommen bei rund 5 Euro. Das sei aber derzeit auf dem Markt nicht realisierbar. „Da muss die öffentliche Hand massiv fördern oder selbst bauen und bereit sein, den Abmangel zu tragen“. Im schlechtesten Fall müssten sich von massiver Mieterhöhung Betroffene eine andere Wohnung suchen: „Dass sie aber zu solch günstigen Konditionen am Markt etwas finden, bezweifle ich.“

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