Die beiden Gruppierungen, die sich am Samstagabend am Crailsheimer Bahnhof eine Massenschlägerei liefern, machen das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Sowohl die Anhänger des VfB Stuttgart als auch die des Halleschen FC fallen immer wieder durch Gewalt auf. Im April 2019 etwa prügelten sich VfB-Anhänger mit gegnerischen Fans auf dem Cannstatter Marktplatz in Stuttgart. Im Oktober 2016 starb ein Fan des 1. FC Magdeburg, als er aus einem fahrenden Zug mit Halle-Anhängern fiel. Die Hintergründe sind bis heute ungeklärt.

Gewalt Handyvideo zeigt Massenschlägerei am Crailsheimer Bahnhof

Beide Gruppen halten am selben Gleis

Am Samstag geraten die beiden Gruppen in Crailsheim aneinander. Bislang deutet vieles darauf hin, dass sie im Vorfeld über ihr Aufeinandertreffen Bescheid wussten. Vonseiten der Polizei ist noch nicht viel bekannt, es gibt eine Pressemitteilung der Bundespolizei. Aufgrund von Augenzeugenberichten lässt sich aber rekonstruieren, was sich zugetragen hat.

Als die Gruppen am Samstag in Crailsheim eintreffen, sind keine Polizisten vor Ort – jedenfalls nicht in Uniform. Manchmal begleiten sogenannte szenekundige Beamte der Polizei Fan-Gruppen in Zivil. Ob dies der Fall war, ist bislang nicht bekannt.

Die Anhänger des Halleschen FC kommen gegen 17.30 Uhr im Crailsheimer Bahnhof mit dem Regionalexpress aus Hessental an. Sie sind auf der Heimreise von der Drittligapartie ihres Klubs in Großaspach. Endstand aus Halle-Sicht: 0:1. In Hessental hat der Regionalexpress außerplanmäßig einige Minuten gehalten, um auf die Halle-Fans zu warten. Sie sind dort umgestiegen. In Crailsheim müssen sie erneut umsteigen. Aufgrund einer Gleisänderung hält der Zug nicht wie geplant auf Gleis 3, sondern auf Gleis 2.

Auf demselben Gleis fährt kurz darauf um 17.45 Uhr der Regionalexpress aus Nürnberg ein. Er ist voll mit Fans des VfB Stuttgart. Sie kommen vom Auswärtsspiel des VfB in der Zweiten Bundesliga bei Greuther Fürth. Dort hat ihr Verein 0:2 verloren. In Nürnberg sind sie unter Beobachtung der Polizei in den Zug gestiegen. In Crailsheim hält er nicht wie gewöhnlich auf Höhe des Bahnhofgebäudes, sondern rund 100 Meter weiter hinten. Womöglich, um eine Konfrontation mit den Halle-Fans zu vermeiden.

Vermummte Fußballfans gehen aufeinander los

Sobald der Zug zum Stehen kommt, strömt ein großer Teil der VfB-Anhänger in Richtung Bahnhofsgebäude, viele haben sich mit Sturmhauben und Schals vermummt. Auch ein paar Begleiter einer Sicherheitsfirma sind mitgereist. Sie machen keine Anstalten, die Fans aufzuhalten und stehen eher teilnahmslos an den Türen vor dem Zug. Plötzlich machen die VfB-Fans kehrt, einige von ihnen springen wieder in die Wagons. Dann kommt von mehreren Fans im Zug die Ansage „Alle raus! Alle wieder raus!“ und die VfB-Anhänger stürmen erneut in Richtung Bahnhof. Laut Pressemitteilung der Polizei sind es rund 120 Personen.

Die Halle-Fans, laut Polizei etwa 50 an der Zahl, warten bereits am und um das Bahnhofsgebäude auf die Stuttgarter, einige davon auch davor in einem Kiosk. „Dann sind sie alle raus gestürmt“, sagt eine Frau, die am Abend dort an der Kasse gearbeitet hat, dieser Zeitung.

Was dann folgt, beschreibt die Polizei als eine körperliche Auseinandersetzung, „bei der es auch vereinzelt zu Flaschenwürfen kam“. Das ist milde formuliert: Die Fan-Gruppen schlagen und treten aufeinander ein, auch auf am Boden liegende Beteiligte. Es fliegen Flaschen und andere Gegenstände. Die Fans greifen sich Stühle, Tische und ein Verkaufsschild vor dem Kiosk, um diese als Waffen und Wurfgegenstände einzusetzen. „Die haben alles genommen, was nicht niet- und nagelfest war“ - so sagt es die Frau vom Kiosk. Unbeteiligte flüchten, die Frau und einige Kunden schließen sich im Kiosk ein.

Bahnverkehr wird wegen der Massenschlägerei kurzzeitig gesperrt

Etwa vier Minuten nach Beginn der Ausschreitungen trifft die Polizei mit zwei Streifenwagen am Bahnhof ein. Später kommt Verstärkung, insgesamt sind mehr als ein Dutzend Streifen der Landespolizei im Einsatz. Laut Pressemitteilung sind auch Beamte der Bundespolizei vor Ort. Weil sich die Fußballfan-Gruppen auch im Gleisbett bekämpfen, wird der Bahnverkehr für kurze Zeit gesperrt. Nach dem Eintreffen der Beamten beruhigt sich die Lage. Laut Polizei liegen keine Hinweise auf Verletzte vor. In Anbetracht der Zahl der Beteiligten und des Ausmaßes der Gewalt scheint es allerdings wahrscheinlich, dass es auf beiden Seiten Verletzte gab.

Die Bundespolizei ermittelt nun wegen Verdachts auf Landfriedensbruch. Das ist der gängige Straftatbestand, wenn es zu Ausschreitungen zwischen Fußballfans kommt.