Glasbild Mahnung an künftige Generationen

Wer im Finanzamt am Glasschliffbild des Hohenloher Künstlers Theo Walz entlang die Treppe hochgeht, sieht Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt Crailsheim.  Foto: Helga Steiger
Wer im Finanzamt am Glasschliffbild des Hohenloher Künstlers Theo Walz entlang die Treppe hochgeht, sieht Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt Crailsheim. Foto: Helga Steiger © Foto: xy
Crailsheim / Helga Steiger 22.09.2018
Ein wenig versteckt befindet sich ein großformatiges Glasschliffbild des Hohenloher Künstlers Theo Walz in Crailsheim. Es erzählt von Untergang und Wiederaufbau der Stadt.

An versteckter Stelle in Crailsheim befindet sich ein großformatiges Kunstwerk aus Glas, das ein Kapitel aus der Geschichte Crailsheims erzählt. Das mehr als drei Meter breite und acht Meter hohe Fenster wurde 1953 im Treppenhaus des neu errichteten Landratsamts eingebaut, dem heutigen Finanzamt. In einer nur selten angewendeten Glasschlifftechnik hat der Künstler Theodor Walz einzelne Szenen heraus­modelliert.

Das Werk sieht man im Ganzen am besten von der Rückseite des Gebäudes aus, wo der Friedhofsweg vorbei führt. Die Faszination der durchscheinenden Konturen zeigt sich jedoch nur von innen, wo man im Treppenhaus an dem Glasbild entlang nach oben steigen kann.

Dabei erschließen sich die Darstellungen des Bilds, das durch Stege in zwölf Einzelbilder unterteilt ist. In jedem Bildfeld sind fast raumfüllend Personen in unterschiedlichen Szenen dargestellt. Im unteren Register ist die Zerstörung im Krieg zu sehen: Helfer bringen einen Verletzten aus einem Keller, zwei andere Personen kriechen aus einem anderen hervor. In der Mitte sitzt ein verzweifelter Mann auf einem Koffer, dem Letzten, was ihm geblieben ist. Über ihm stemmt sich ein weiterer Mann gegen einen zerborstenen Balken. In den Feldern darüber retten die Menschen sich, ihre Kinder und ihre Habseligkeiten aus den Flammen. Diese umfassen im mittleren Bild ein sich schützend umarmendes Paar. Im dritten Register beginnt die Aufbauarbeit: Handwerker tragen Bauteile, Steine und Balken, im Hintergrund arbeitet ein Maurer.

In der obersten Bildreihe sieht man dann die letzten Handgriffe an den neuen Gebäuden, es sind Steinmetze und Dachdecker am Werk. Hinter der Silhouette des neuen Crailsheim sieht der Betrachter die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages. Dem Rathausturm ist schon die Haube aufgesetzt – was bei der Schaffung des Bildwerks 1953 noch Zukunftsvision war. Die einzelnen Szenen werden im unteren Bereich verbunden durch die diagonal gelegten Balken, die dem Lauf der Treppe folgen. Im der Mitte verbinden die züngelnden Flammen die Personen in ihren Handlungen.

Der damals an der Crailsheimer Oberschule als Lehrer für Deutsch und Englisch tätige Rudolf Haas hat sich Ende Juni 1953 im Hohenloher Tagblatt Gedanken gemacht. Er fasst zusammen: „Theo Walz gibt nicht Ausschnitt, sondern Summe zeitgenössischen Lebens wider, Kind und Greis, Mann und Frau, Verwundeter und Helfende, Ruine und Neubau, Brücke und Fluß, Türme und Waldhügel, Kellergewölbe und aufgehende Sonne: alles ist zusammengesehen und aus der Kraft der Linie zum Bild gefaßt.“

Wahlspruch der Hohenloher

Mit der Darstellung von Kriegsleid und Neuaufbau verweise das Bild auf den Wahlspruch des Hauses Hohenlohe, den die Stadt Crailsheim aufgrund ihrer Geschichte ebenfalls hätte übernehmen können: „Ex flammis orior – Aus den Flammen erstehe ich neu.“ Daher komme dem Bild eine bleibende Funktion zu: „Man möge dem Fenster wünschen, daß es künftigen Generationen erzählen möge von unserer Zeit und besonders von dieser so getroffenen Stadt.“

Haas bewertet auch die künstlerische Qualität sehr positiv: „Die dekorative Schönheit des Entwurfs lebt aus der Linearität der Zeichnung. Das Licht selbst ist dem Künstler zum Stoff geworden.“ Besonders gelungen erscheint ihm der Ort der Anbringung in einer Behörde: „Ein neues Landratsamt kann kaum einen sinnvolleren Schmuck erhalten als ein Fenster, auf dem die Sonne die Konturen ungebrochenen menschlichen Schaffens täglich neu aufleuchten läßt.“

Auch auf Besucher habe das Bild eine positive Ausstrahlung: „Der künftige Besucher, der einen Amtsgang zu tun hat, begegnet zunächst nicht irgendeiner Tür mit Nummer und Namen, sondern einem Gebilde aus Licht und Glas, das ihn nicht nur grüßen, sondern ansprechen wird.“

Heute ist das Bild von innen nicht mehr frei zugänglich, aber Rudolf Rathgeber vom Finanzamt Crailsheim sagt: „Wer das Glasbild sehen möchte, kann sich an der Pforte melden. Das in Crailsheim fast unbekannte Bild hat mich auch überrascht, als ich das erste Mal in das Gebäude kam.“

Theodor Walz gründet Hohenloher Kunstverein

Der Künstler Theodor (Theo) Walz wurde 1892 in Stuttgart geboren, wo er eine Ausbildung zum Lithograf absolvierte. Zu Fuß wanderte er 1910 nach Rom und weiter nach Sizilien, weitere Italienaufenthalte gaben Anlass zu Farbgemälden. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde, besuchte Walz in Stuttgart die Akademie der Bildenden Künste, dann lernte er an der Kunsthochschule die Technik des Glasschleifens. Seine künstlerische Tätigkeit wurde 1941/42 mit dem Stipendium der Deutschen Akademie in Rom gewürdigt. Nach der Zerstörung Stuttgarts 1943 kam er als Evakuierter auf Schloss Stetten, wo er sich mit seiner Frau Gertrud niederließ. Mit Freunden gründete er 1958 den Hohenloher Kunstverein. Theo Walz lebte bis zu seinem Tod 1972 in Langenburg. hst

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