Einzig die Bewegungen der Besucher in der Galerie am Markt des Haller Kunstvereins setzen die vier Videos auf der Leinwand in Bewegung. Man muss hin und her gehen, um die einzelnen Dokumentationen zu starten und dann auch zu Ende sehen zu können. Das ist eindrücklich zu beobachten bei der Vernissage am vergangenen Samstag: Während der Reden von Kurator Santiago Gomez und Künstler Dominik Rinnhofer stoppen die vier Filme – die Besucher stehen still.

Rote Erde am Boden – aus Butare in Ruanda – symbolisiert den Weg der Einheimischen zu den sauberen Quellen. Mehrere Kilometer täglich müssen sie im Land der tausend Hügel laufen, um an Trinkwasser zu gelangen. Dieses tragen sie in großen Kanistern heim. Ein mühseliges Unterfangen. Trotzdem erscheinen sie in der interaktiven Ausstellung „Watertracks“ fröhlich und unbeschwert.

Im oberen Raum der Haller Galerie werden die sozialen Begegnungen an der Quelle mittels Video gezeigt. Herzliches Lachen ertönt. Ein junger Mann setzt im Film den Kanister an und trinkt in durstigen Schlucken. Andere begrüßen sich oder warten entspannt, bis sie an der Reihe sind und der Kanister gefüllt wird. Das breite Wasserbecken vor der Leinwand steht für die Quelle. Im abgedunkelten Raum ist von den Besuchern nun Stillstand gefragt. Bewegt man die Wasseroberfläche mit der Hand, spiegelt sie sich in Wellen, Mäandern und Kreisen über den farbigen Bildern des Videos und zeigt so vergängliche Schönheit. Es ist ein Genuss, den vielfältigen, verschwimmenden Formen zu folgen. Untermalt wird das Erlebnis vom Soundtrack aus Butare: Der Wind, Tropfen oder Lachen sind zu hören.

„Fantastische Räume“

„Ich bin sehr zufrieden mit der Umsetzung. Es sind fantastische Räume hier“, freut sich der 40-jährige Künstler. Rinnhofer hat in Heidelberg Medienkunst und Szenografie studiert. Dort traf er Kurator Santiago Gomez, derzeit Haller Kulturbeauftragter in Vertretung, damals studentischer Mitarbeiter im Heidelberger Kunstverein. Bereits 2011 hat er mit ihm dort die Premiere des Projekts „Watertracks“ realisiert. Sechs Jahre später beim Haller Kunstverein resümiert der Künstler Rinnhofer: „Hier wurde nun die Vision verwirklicht, die ich von Anfang an im Auge hatte.“

Der Installationskünstler, Agenturchef und Bühnenbildner Dominik Rinnhofer war 2007 in Butare/Ruanda und hat dort mit Videokamera und GPS die Laufwege der Ruander beim Wasserholen dokumentiert. In Europa mache man nur einen Gang zum nächsten Wasserhahn. Der Weg zur Quelle hingegen bestimme den Tagesrhythmus der ostafrikanischen Familien, berichtet Rinnhofer. Dabei finde soziales Leben statt.

An der Wand hängen Satellitenbilder von Landstrichen in Ruanda in schwarz-weiß. Auf ihnen zeigen blau gefärbte „Watertracks“ die kilometerlangen Wege bis zu einer Quelle. Auch in Schwäbisch Hall kann man der Spur des Wassers folgen: Dominik Rinnhofer hat einen Haller „Watertrack“ markiert. Er führt rund 3,5 Kilometer weit über das alte Aquädukt bis nach Breitenstein. Ausstellungsbesucher können sich dazu den Soundtrack aus Butare aufs Smartphone herunterladen – und auf dem Weg hören. In Breitenstein wurde vom Werkhof eigens für die Ausstellung die Quelle mit einem neuen Rohr gefasst. Daraus können sich nun die Kunstwanderer Wasser abfüllen. Es stehen dafür zwei originale Wasserkanister aus Ruanda bereit. Das Gelb ist leicht verschmutzt, einem fehlt ein Deckel. Die schwere Last darf zurückgetragen und dann ins Becken gefüllt werden. Später wird das Wasser für den Urban Garden Schwäbisch Hall verwendet.

Die Ausstellung und ihr Rahmenprogramm


Die „Watertracks“ von Dominik Rinnhofer sind bis 9. Juni zu sehen. Die Galerie am Markt ist mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie am Wochenende von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Im Rahmenprogramm gibt es am 17. Mai den Vortrag „Wasser in und um Schwäbisch Hall“, am 27. Mai Workshops für Kinder, am 2. Juni eine Wanderung mit Dominik Rinnhofer und am 9. Juni die Finissage mit Afrobeats.