Crailsheim / Ute Schäfer Das Stadtarchiv und die Familienbildungsstätte machen sich in einem Mitmachprojekt auf die Suche nach Geschichten von Crailsheimerinnen. Bei der Auftaktveranstaltung präsentieren sie ihr Vorhaben.

Heute müssen Sie noch nichts arbeiten“, sagte Stadtarchivar Folker Förtsch vor Kurzem im Forum in den Arkaden. Dabei ist das Projekt, das Förtsch und seine Mitstreiterinnen bei der Auftaktveranstaltung vorstellten, als „Mitmachprojekt“ gedacht. Es hat ein Ziel: das Leben Crailsheimer Frauen darzustellen. Deshalb haben das Stadtarchiv und die Familienbildungsstätte (FBS) zusammen mit Pfarrerin Birgit Rügner ein Konzept ins Leben gerufen, das diese Lücke in der Geschichtsschreibung schließen will.

Denn der Einfluss der Frauen auf die Gesellschaft wird überall – auch in Crailsheim – in der Geschichtsforschung wenig wahrgenommen. Frauen können zwar erst seit 100 Jahren wählen, sagte Gerlinde Mack (FBS). Sie dürfen auch erst seit 50 Jahren Pfarrerin sein, sagte Birgit Rügner – und doch waren sie immer mit dabei. „Dabei ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich. In Crailsheim gibt es bislang nur eine Ehrenbürgerin“, so Förtsch.

Zum Internationalen Frauentag hat sich der Stadtarchivar über bedeutende Frauen Crailsheims schlau gemacht.

Ein Buch soll am Ende entstehen

Aber es gibt auch in Crailsheim bedeutende Frauen. Die Horaffen-Bürgermeistersgattin oder Gräfin Adelheid sind eher legendäre Figuren, doch auch sie prägten Crailsheim, so Förtsch. Frauen waren aber auch Hexen, Deportierte, Denunzierte. Wirtinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen. „Frauen sind wertvolle Vorbilder“, sagt Gerlinde Mack. „Wir möchten wissen, welche Frauen in Crailsheim gelebt und gearbeitet haben und welche Frauen die Stadt geprägt haben.“

Deren Biografien sollen in dem Projekt nun aufgearbeitet und am Schluss in einem Buch veröffentlicht werden. „Die Artikel müssen gar nicht groß sein. Sie können auch ein Interview mit einer noch lebenden Frau sein“, sagte Förtsch. „Am Schluss sollen sich viele kleine Mosaiksteine ergeben, die dann hoffentlich ein großes Bild der Crailsheimer Frauengeschichte bilden.“ Doch damit nicht genug: „Wir denken auch an einen Frauenpfad durch die Stadt, auf dem einzelne Schicksale in der Stadt verortet werden. Wohnorte sind da denkbar oder der Platz der Hexenverbrennungen.“

Folker Förtsch diskutiert die Frage „Ganz normale Männer?“ mit Albert-Schweitzer-Gymnasiasten.

Hilfslieferungen nach dem Krieg

Stadtarchivar Förtsch stellte den Zuhörern auch ein paar Frauen vor, die für Crailsheim wichtig waren – wie zum Beispiel Theodora Cashel und ihre Tochter Martha McCarthy, die nach dem Krieg Hilfslieferungen organisiert haben und damit die Städtepartnerschaft mit Worthington begründeten. Wichtig für die Stadt war zum Beispiel auch die Markgräfin Christiane Charlotte, die einen deutlich größeren Einfluss auf die Stadt gehabt hätte, wenn ihr Projekt nicht gescheitert wäre – die Universität für Crailsheim.

„Wir haben auch viele Unterlagen über die Crailsheimer Hexenprozesse“, sagte Folker Förtsch. „Wir können uns Forschungen über die Crailsheimer Gemeinderätinnen, Schulleiterinnen oder Unternehmerinnen vorstellen.“ Themen wie Euthanasie, Judenvertreibung, aber auch Frauen und Sport – Stichworte wie Frauenturnen, Jagstbad, TSV-Fußballerinnen fielen – könnten behandelt werden.

Und keiner brauche Angst vor der Herausforderung zu haben, betonte Förtsch: „Wir helfen natürlich. Wenn es um Archivalien geht, können wir sie zur Verfügung stellen. Oder wir machen gemeinsam einmal einen Ausflug.“ Denn das ist auch angedacht: „Wir, also das Projektteam, können Exkursionen machen. Zu Ausstellungen, die mit den Themen etwas zu tun haben, oder in Archive.“

Der nächste Sitzungstermin ist bereits festgelegt – gut die Hälfte der Zuhörer signalisierte, wieder dabei zu sein. „Dann geht es ums Strukturelle. Und vielleicht auch schon um das Verteilen von Biografien“, sagte Förtsch. „Heute wollten wir nur Lust machen auf das, was möglich wäre.“

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Rund zwei Jahre Forschungszeit

Das Projekt „Crailsheimer Frauengeschichte“ ist auf zwei Jahre angesetzt. Das nächste Treffen, das unverbindlich ist und bei dem ein „Hereinschnuppern“ möglich ist, ist am Donnerstag, 11. April, um 18 Uhr im Forum in den Arkaden. Neue Interessenten sind auch willkommen. Übrigens: Auch Männer dürfen mitforschen. Beim ersten Treffen waren fünf dabei. uts