Liebe gesucht

Mutter Ingrid (Hannelore Elsner, r.), Tochter Apple (Nadja Uhl) und Dr. Freud (Hund). Foto: Mathias Bothor/Constantin Film Verleih GmbH
Mutter Ingrid (Hannelore Elsner, r.), Tochter Apple (Nadja Uhl) und Dr. Freud (Hund). Foto: Mathias Bothor/Constantin Film Verleih GmbH
BRITTA SCHULTEJANS, DPA 06.03.2014

Doris Dörrie hat sich den Ruf erarbeitet, in einer immer noch von Männern dominierten Branche die erfolgreichste Frau zu sein: Sie gilt als Vorzeige-Frau im deutschen Regie-Fach, schaffte den Durchbruch in den 1980er-Jahren mit dem Kultfilm "Männer". Jetzt hat sie einen neuen Film. Der dreht sich um Eltern und Kinder, Hippies und Spießer, All-inclusive-Tourismus und das Leid von Flüchtlingen - und die verzweifelte Suche nach Liebe und Geborgenheit.

"Alles inklusive" heißt Dörries neuer Film. Er basiert auf ihrem gleichnamigen Buch, das sie 2011 auf den Markt gebracht hat. Sie erzählt darin vor allem die Geschichte der Ex-Hippie-Frau Ingrid (Hannelore Elsner) und ihrer Tochter Apple (Nadja Uhl).

Während die Mutter sich in einem Hotelbunker in Torremolinos, dem Hippie-Paradies ihrer Jugend, von einer Hüft-OP erholt, weil die Reha zu teuer wäre, kämpft Apple in München mit ihrem Hund Dr. Sigmund Freud, ihrer Neigung zu fiesen Männern und vor allem mit sich selbst.

Weil sie mit ihrer barbusigen Mutter damals in Torremolinos in einem Zelt lebte und nie das kennengelernt hat, was gemeinhin als Familie verstanden wird, ist sie schon ihr Leben lang verzweifelt auf der Suche nach Sicherheit und Stabilität. "Was mich an dieser Geschichte interessiert hat, ist der Umgang dieser beiden Generationen miteinander, der Hippie-Generation und der Tochter-Generation", sagt Regisseurin Dörrie im Interview in München. "Die wollte ich zusammenbringen - und weil ich zu keiner der beiden gehöre, erlaubt mir das vielleicht einen etwas objektiveren Blick." Diesen scharfen, gleichzeitig aber auch liebevollen Blick richtet Dörrie nicht nur auf die Hippie-Generation und deren elterliche Fähigkeiten - sondern auch auf das Phänomen des All-inclusive-Tourismus. Gedreht wurde unter anderem direkt in einem Hotel in Torremolinos - mit echten Touristen als Statisten. Ingrid trifft dort auf den singenden und fußpflegenden Transvestiten Tim/Tina (Hinnerk Schönemann) und den Krankenpfleger Helmut ("Tatort"-Kommissar Axel Prahl), der vor allem auf der Suche nach einem Urlaubs-Techtelmechtel ist.

Obwohl Dörrie sehr humorvoll von den Gepflogenheiten und Absurditäten des Lebens im Hotelbunker erzählt, tut sie das alles andere als despektierlich. "Helmut ist jemand, der zu Hause ein kompliziertes, sehr anstrengendes Leben mit einer pflegebedürftigen Mutter hat und dann diese sieben oder zehn Tage All-inclusive-Urlaub hat. Darüber die Nase zu rümpfen, über seinen dicken Bauch, seine Badehose oder seine bemüht gute Laune - das finde ich unmöglich", sagt Dörrie.

Der Film beginnt als Komödie, die mit glänzenden Beobachtungen vor allem unterhält - langsam, fast unmerklich aber wandelt er sich zu einer melancholischen, tragischen und nachdenklich stimmenden Familiengeschichte. Dabei gelingt Dörrie ein kleines Kunststück: Der Wandel geschieht völlig ohne Bruch. Ein "Drahtseilakt" sei das gewesen, sagt die Regisseurin. "Alle raten einem davon ab, diese Mischung zu versuchen, aber ich möchte die Dinge einfach so ambivalent, so komisch und auf der anderen Seite so melancholisch erzählen, wie sie nunmal wirklich sind."

Auf einen Blick vom 6. März 2014