Freilichttheater im „Tempele“ Kunststaatspreis für zauberhaftes Spiel

Gabriela Mühlstädt-Grimm (Vierte von links) überreichte den Staatspreis im Namen der Landesregierung. Im Bild Mitglieder des Niederstettener Tempele-Ensembles mit Naemi Zoe Keuler, Präsidentin des Amateurtheaterverbands, und Laudatorin Nadja Kiesewetter (von rechts).
Gabriela Mühlstädt-Grimm (Vierte von links) überreichte den Staatspreis im Namen der Landesregierung. Im Bild Mitglieder des Niederstettener Tempele-Ensembles mit Naemi Zoe Keuler, Präsidentin des Amateurtheaterverbands, und Laudatorin Nadja Kiesewetter (von rechts). © Foto: PAUL SILBERBERG
Karlsruhe/Niederstetten / Michael Weber-Schwarz 07.10.2017

Ganz großer Bahnhof für die Tempele-Theatertruppe: In Karlsruhe wurden die Spieler für ihren „Sommernachtstraum“ mit dem Kunststaatspreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Die Resonanz war groß: 159 Bewerbungen aus ganz Baden- Württemberg sind für den mit einem Gesamtpreisgeld von 12 000 Euro dotierten Landesamateur­theaterpreis „Lamathea 2017“ eingegangen.

Die von der hochkarätig besetzten Jury in mehreren Kategorien ausgewählten Inszenierungen wurden jetzt im Audimax des Karlsruher Instituts für Technologie ausgezeichnet. Die Atmosphäre hatte etwas von einer Oscar-Verleihung: Riesige Aufsteller der bronzenen Preis-Plastik, rote Teppiche, feiner Zwirn und viele Festreden. Jeder Preis-Beitrag wurde vor großem Publikum per Kurzvideo präsentiert – dann folgte nach einer Laudatio die feierliche Übergabe der Urkunden des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Regierungsvizepräsidentin Gabriela Mühlstädt-Grimm, die die Preise überreichte, betonte, „dass das kreative ehrenamtliche Engagement der Theaterschaffenden mit der Vergabe des Lamathea als Staatspreis seine verdiente Würdigung erfährt.“

16 von 159 ausgezeichnet

Die Jury des Landespreises mit Experten des deutschen Amateurtheaters sowie Vertretern der professionellen Theaterszene nominierte aus den 159 Bewerbungen 16 herausragende Produktionen in den Kategorien Innenraumtheater, Theater mit Kindern und Jugendlichen, Freilichttheater, Mundarttheater, Theater mit soziokulturellem Hintergrund sowie Puppen- und Figurentheater. Der Niederstettener „Sommernachtstraum“ wurde in der Sparte Freilichttheater vor dem „Stettener Sommertheater“ und den Freilichtspielen Neuenstadt mit dem Hauptpreis geehrt.

Amateurtheater stehe dem der Profis oft in nichts nach, so Karls­ruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup. Hohe schöpferische Arbeit, Persönlichkeitsförderung, aktive kulturelle Teilhabe – all das sei „Ausdruck eines lebendigen bürgerschaftlichen Engagements“. In den 630 Mitgliedsbühnen des Landesverbands Amateurtheater sind rund 20 000 Personen organisiert. Sie bringen eine „einzigartige Vielfalt“ auf die Bühnen. Der Staats­preis werde bewusst im Rahmen der Heimattage verliehen – weil Theater Heimat für Spieler ebenso schaffe, wie für eine Vielzahl an Zuschauern. Dies sei Bildungsarbeit ersten Ranges, die auch Generationen verbinde.

Umsetzung immens schwierig

Drängende Themen wie „Bodenständigkeit und Verlust, Idylle und Entfremdung“ würden aufgegriffen und spielerisch begreifbar gemacht. Nadja Kiesewetter, Präsidiumsmitglied im Verband deutscher Freilichtbühnen, hielt die Laudatio auf den Niederstettener „Sommernachtstraum“. Das Shakespeare-Stück, 1598 erstmals aufgeführt, „unterhaltsam und spannend umzusetzen“, sei immens schwierig. „Das Freilichttheater im Tempele Niederstetten hat es aber geschafft, uns mit seiner Interpretation zu verzaubern“, so Kiesewetter für die Expertenjury. Schon das Bühnenbild habe als „Abenteuerspielplatz“ überrascht. Regisseur Ulrich Schulz habe einen dreidimensionalen Spielort mit schier unzähligen Möglichkeiten geschaffen. „Das Kind in mir wäre am liebsten direkt überall herumgeklettert“, schilderte Kiesewetter ihren Eindruck aus der Zuschauerperspektive. Die Athener, der Waldgeist Puck und Titanias Elfen nutzten den ganzen Raum und zeigten Ungewöhnliches, so noch nicht Gesehenes. Statt zarten weiblichen Elfen gab es „ausgewachsene Mannsbilder mit eng sitzenden Kleidchen“ – ein „wirklich urkomisches Bild für den Betrachter.“

Entscheidende Glanzpunkte hätten die Schneiderinnen im Stück gesetzt: Ein „illustrer Haufen“, der in „spritziger Mundart“ die Lacher auf seiner Seite hatte. Es sei „jedes Mal aufs Neue ein Genuss gewesen, wenn das „rosa Kittelschürz-Geschwader“ die Bühne betreten habe.

Ganz neuen Zauber eingehaucht

„Dem Theater im Tempele ist es gelungen, einem oft gespielten Theaterstück einen ganz neuen Zauber einzuhauchen. Mit frischer Würze, Liebe zum Detail und dem Mut, die Zuschauer zu überraschen“, so Kiesewetter. Das habe Eindruck hinterlassen, bleibe in den Köpfen und „zeigt, wie fantastisch Theater sein kann“.

Moderatorin Dominique Macri, deutsche Poetry-Slam-­Meisterin, fasste es mit Shakespeare-Zitaten aus dem „Sommernachtstraum“ zusammen: „Dieser ist besonders – vielleicht gar der Beste. Dieses Stück brachte hitzige Nächte zum Flirren, begeisterte uns, ließ die Sinne uns schwirren. Vielen Dank dafür – das war echt ,wow’, denn ihr stecht genau – Adieu, Tschüss und Ciao!“

Info Unendlich komisch geht es weiter im Tempele: Premiere von „Kohlhiesels Töchter“ nach dem Originaldrehbuch wird am 11. Juli sein – gespielt wird wie immer drei Wochen lang.