Skulptur Künder einer vergangenen Zeit

Ein lauschiges Plätzchen ist der Standort des Crailsheimer Postillions: Die Bronzefigur steht neben dem Eingang zur Post inmitten eines Rosenbeets.
Ein lauschiges Plätzchen ist der Standort des Crailsheimer Postillions: Die Bronzefigur steht neben dem Eingang zur Post inmitten eines Rosenbeets. © Foto: Helga Steiger
Crailsheim / Helga Steiger 02.06.2018

Links neben dem Eingang zum Schalterraum der Postniederlassung in Crailsheim steht in der Mitte eines Rosenbeetes eine lebensgroße Bronzefigur eines Postillions. Dieser präsentiert sich in historischer Kleidung mit einer kurzen Uniformjacke und einer engen Hose in kniehohen Stiefeln. Mit seiner rechten Hand setzt er – offenbar gut gelaunt – ein Posthorn an den Mund, in der linken hält er die Reitpeitsche. Auf dem Kopf trägt er einen hohen Hut. In etwas nachlässiger breitbeiniger Haltung steht er auf einem runden Steinsockel, den ein metallenes Schriftband umgibt. Auf diesem ist zu lesen: „Königlich Württembergischer Postillion 1850“.

Die Figur erinnert an die Zeit, als noch Postreiter und Postkutschen nach Crailsheim kamen. Das Signal mit dem Posthorn zeigte deren Ankunft oder Abfahrt an. Das Kunstwerk selbst stammt allerdings aus jüngerer Zeit. Es wurde zur Fertigstellung des Postamtes an der Worthingtonstraße aufgestellt. Dieses wurde nach einer langen Planungs- und einer anschließenden eineinhalbjährigen Bauzeit am 7. Mai 1984 eingeweiht.

Die Post zog damals vom 1898 errichteten Haus in der Wilhelmstraße in das moderne Gebäude um. Die Anlage des Zentralen Omnibusbahnhofes und des Parkplatzes sowie der Fußgängersteg über die Jagst sollten noch folgen.

Bei der Einweihung wurde der damalige Crailsheimer Oberbürgermeister Karl Reu mit weiteren Ehrengästen von Postoberamtsrat Richard Lindenmeyer am Rathaus abgeholt – mit einer historischen Postkutsche und auf dem Kutschbock saß ein stilechter Postillion. Die neue Post lockte viele Neugierige an: Bei der Öffnung für den Publikumsverkehr eine Woche später waren 6000 Besucher da. Damals wurden täglich 65 000 Briefe und 3 100 Pakete in Crailsheim abgefertigt, der Zuständigkeitsbereich des neuen Amtes umfasste den ganzen Altkreis Crailsheim.

Steinplatte mit Adler

Der frühere Leiter der Postniederlassung in Crailsheim, Georg Hertel, war während der Bauzeit des neuen Postamtes für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und hat ein Bautagebuch geführt. Als letzter Eintrag findet sich dort eine Notiz über die Aufstellung des Postillions am 3. Mai 1984. Hertel berichtet: „Bei jedem staatlichen Neubau wurde ein Teilbetrag der Bausumme für ‚Kunst am Bau‘ eingesetzt. Im Rahmen dieser Verpflichtung wurde neben dem Eingang des Postamtes der Postillion aufgestellt.“

Zusätzlich wurde in der Muschelkalkverkleidung auf der anderen Seite des Eingangs eine Steinplatte mit einem im Relief ausgearbeiteten Adler integriert. Hertel erinnert sich noch, dass bei der Aufstellung des Postillions der Künstler Helmut Sigg anwesend war.

Helmut Sigg (1933 bis 2017) war als Grafiker und Bildhauer in Neckartailfingen tätig. Der gebürtige Stuttgarter hatte nach einer Schreinerlehre an der Staatlichen Akademie der Künste studiert. Er hat im Schwäbischen zahlreiche Bronzewerke für den öffentlichen Raum geschaffen, die häufig historische Themen verbildlichen, wie die Gruppe eines „Viehhandels“ in Ehningen oder einen „Flößer“ an der Ermsmündung in Neckartenzlingen.

Wer den „Bruder“ des Crailsheimer Postillions besuchen möchte, muss nach Neckartailfingen fahren: Der dortige Postillion sitzt in breitbeiniger Pose auf der Neckarbrücke. Auch er bläst stolz in das Posthorn.