Die Hänels hatten panische Angst. Ihre Heimatstadt Dresden war gerade in Schutt und Asche gebombt worden, jetzt erwarteten Sie die Ankunft der Roten Armee. Also: nichts wie weg. Sie ließen ihre Villa im Stadtteil Radeberg zurück und gingen nach Rothenburg.

Dort hatten sie früher schon manche glückliche Ferienstunde in einem Künstlerheim verlebt. Dort schien das Inferno weit weg zu sein, aber es holte sie doch ein: Auch ins mittelalterlich-mittelfränkische Idyll platzten die Weltkriegsbomben. Jetzt flüchteten die Hänels nach Gammesfeld. „Im Dorf gab es ein winziges, etwas heruntergekommenes Häusle, das gerade leer stand. Es gehörte einem alleinstehenden Mann, der in Russland vermisst wurde. Dort wurden sie einquartiert“, erinnert sich Fritz Vogt, damals 14, heute 89 Jahre alt. „Es war der größtmögliche Kontrast: die Dresdner Künstlervilla und dieses windschiefe Häusle in Gammesfeld. Und auch: diese vornehmen Leute auf dem Dorf.“

Georg Hänel, 1879 in Dresden geboren, war ein Landschafts- und Tiermaler sowie Grafiker. Er hatte an der Dresdner Kunstakademie bei Eugen Bracht und Carl Bantzer studiert. Er stellte regelmäßig in Dresden und München aus und war Mitglied der Dresdner Kunstgenossenschaft. „Wenn ich an einen edlen Menschen denke, habe ich ihn vor Augen“, sagt Vogt. Seine Frau Dora war Industriellentochter und Opernsängerin.

Bande waren geknüpft

Schon einige Jahre bevor der Krieg heim ins Reich kam, hatten die Hänels Bande nach Gammesfeld geknüpft. Ihr Sohn Gerd hatte immer wieder Probleme gemacht. Der Pfarrer, der ihn konfirmierte, suchte Rat bei seinem Gammesfelder Kollegen – und der vermittelte Gerd Hänel an die Vogts, wo der Bub seine Sommerferien verbrachte. „Er war so ein richtiger Schnösel aus der Stadt“, erinnert sich Vogt und lacht. „Als er unsere Kühe sah, wollte er wissen, ob das unsere Hunde seien. Aber er war bald voll in der Familie integriert.“ Und er kam immer wieder. Die Eltern schrieben sich gegenseitig Briefe. So war der Schritt ins Dorf für Georg und Dora Hänel später ein durchaus logischer.

Gaildorf

Vogt: „Dora Hänel spielte häufig auf unserem Klavier und sang. Georg Hänel malte in der Umgebung, tauschte Bilder gegen Essen ein. Ackerbohnen musste man essen, Hauptsache der Bauch war voll.“ Und bald schon kam der Krieg mit seiner ganzen zerstörerischen Wucht auch in Hohenlohe an. Am 6. April 1945 rückten die Amerikaner von Bad Mergentheim her im damaligen Kreis Crailsheim ein. Bis zum 21. April dauerten die Kämpfe, rund 1000 Menschen kamen dabei ums Leben. Gammesfeld stand vom 14. April an unter Beschuss, am 17. April wurde der Ort eingenommen.

„Die Amerikaner, die etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt waren, im Westen, schossen vor allem Brandgranaten. Überall flammte es auf. Von Osten, von Schillingsfürst, her flogen deutsche Granaten. Und wir Buben zogen zusammen mit meinem Vater mit einer Pumpe durchs Dorf und löschten“, erinnert sich Vogt. „Aber es gab kein Wasser, keinen Feuerlöschteich. Wir haben den Schlauch in Mistbrühlöcher gehängt. Wie wir gestunken haben!“

Als der Beschuss losgegangen war, hatten die Vogts gerade auf dem Feld Rüben gesät. Sie eilten in den eigenen Keller, ließen die Sämaschine zurück. Später war diese von einem Granatsplitter getroffen. „Die Unruhe, die Hektik, die Angst haben sich auch auf die Kühe übertragen, die vor unseren Wagen gespannt waren. Sie galoppierten regelrecht, was Kühe normalerweise nie machen. Pferde kann man zur Eile antreiben. Aber Kühe? Normal nicht. Diesmal schon“, sagt Vogt.

„Es war herzzerreißend“

Ein 14-Jähriger aus dem Dorf, Karl Scheiderer, hatte die erste Granate im Dorf einschlagen hören. „Ich war ein ängstlicher Bub, bin ja nur mit Schwestern aufgewachsen“, erzählt Vogt. „Aber Karl war ein Draufgänger, ein richtiger Junge halt.“ Kurzum: Er wollte schauen, wo die Granate explodiert war, schnappte sich sein Fahrrad – und wurde von der zweiten Granate getroffen.

„Er war sofort tot“, sagt Vogt. „Man muss sich das vorstellen: Sein Vater war in Russland, keiner wusste, ob er noch lebte. Und jetzt musste die Mutter miterleben, wie ihr einziger Sohn mit 14 Jahren tot auf der Straße lag. Sie spannte selbst den Mistwagen hinter eine Kuh und holte den Karl im Beschuss nach Hause. Dort kam er in den Sarg. Drei andere Buben – einer davon aus Heilbronn, ein anderer aus Karlsruhe – und ich haben ihn noch am selben Tag auf dem Kirchhof begraben. Ohne Gemeinde, nur die Mutter und der Pfarrer waren dabei. Alles musste ganz schnell gehen, das Dorf wurde weiter beschossen.“

Vogt schüttelt den Kopf, als er von dem Schicksal des Karl Scheiderer erzählt. Dessen Mutter hat er noch heute vor Augen: „Es war herzzerreißend.“

Die Menschen in Gammesfeld suchten Schutz. Der Keller, in dem das Ehepaar Hähnel zusammen mit anderen saß, hatte eine Tür nach Osten hin, berichtet Vogt. „Georg Hänel war Veteran des Ersten Weltkriegs. Er hörte, dass Granaten  aus Richtung Osten kamen und es packte ihn die Panik. Wir dürfen nicht hier drin im Keller bleiben, sagte er, das ist viel zu gefährlich. Die Gammesfelder ließen sich davon nicht beeindrucken. Aber Hänel packte seine Frau und zog sie aus dem Keller. Er wollte ums Haus in einen anderen Keller flüchten. Auf dem Weg traf ihn eine Granate im Nacken.“

Das Inferno, dem er in Dresden und Rothenburg gerade so entkommen war, hatte Georg Hänel also abermals eingeholt. Er war der zweite und letzte Tote, den der Kampf um Gammesfeld forderte. Seine Frau blieb nach dem Krieg in Rothenburg. Sie starb früh an Krebs.