Eines vorab: Die 100 Erwachsenen und 50 Kinder, die in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof leben, gelten als sogenannte häusliche Gemeinschaft – weil sie wie Familien eng beieinander wohnen, über eine gemeinsame Infrastruktur wie Wasser oder Strom miteinander verflochten sind, zum Teil zusammen arbeiten und vor allem in ihrer Kantine gemeinsam essen.

Für die Gemeinschaft gelten deshalb die üblichen Abstandsregeln nicht. Dies muss man wissen, wenn man die „Tempelhöfer“ in Gruppen beieinanderstehen oder miteinander arbeiten sieht. Manchen war diese Ausnahme unbekannt, weshalb die Gemeinschaft zu Beginn der Corona-Beschränkungen auch angezeigt wurde – natürlich ohne Konsequenzen, berichtet Wolfgang Sechser, Tempelhof-Gründungsmitglied.

Die Gefahren intensiv diskutiert

Doch auch wenn Nähe erlaubt ist, bleibt die Gefahr. Denn von ihrer Umgebung abgeschnitten leben die Menschen ja nicht. Das Virus könnte deshalb – wie in anderen berufstätigen Familien auch – in die Gemeinschaft hineingetragen werden. „Das haben wir natürlich diskutiert“, sagt Marie Luise Stiefel, eine langjährige Bewohnerin. „Wir haben beschlossen, dass wir das eigenverantwortlich entscheiden. Jeder bekommt bei uns den Abstand, den er für sich braucht.“ Die meisten sind im Umgang mit dem Virus so gelassen wie Marie Luise Stiefel und Wolfgang Sechser, was vielleicht auch an der Tatsache liegt, dass sich bislang eben noch keiner der Tempelhöfer angesteckt hat: „Wir ernähren uns gesund, wir fühlen uns gut und die Gemeinschaft gibt halt“, sagt Marie-Luise Stiefel. Das alles stärke das Immunsystem.

Tempelhof in Kreßberg Vielfalt in sattestem Grün

Kreßberg

Der Umgang mit dem Virus durchlief in der Gemeinschaft unterschiedliche Phasen. Zu Beginn gab es viel Unsicherheit und Diskussionen über die Gefährlichkeit – wie überall. Die einen plädierten für Selbstverantwortung, die anderen für Regeln. „E-Mails mit Hinweisen auf Artikel und Videos von Experten gingen hin und her, um die jeweils eigene Sichtweise zu untermauern“, sagt Marie Luise Stiefel.

Corona-Krise weckte zwar Ängste, sorgte aber nicht für Verwerfungen

Dies ging so weit, dass die „E-Mail-Kultur-Wächterinnen“ des internen Netzes einschritten. Daraufhin habe sich der Diskurs in die „analogen“ Gemeinschaftsforen verlagert, die so gut besucht waren wie selten. „Hier sieht man, dass sich ein Mensch in solchen Situationen einfach austauschen muss und zwar am besten persönlich“, sagt Wolfgang Sechser. Nun wurde direkt miteinander diskutiert, Spirituelles wurde wichtiger, der Umgang mit Krisen allgemein thematisiert. „Hier zeigt sich der Vorteil unserer Pluralität“, sagt Wolfgang Sechser, denn während Menschen im Lockdown nur in den eigenen vier Wänden und der eigenen virtuellen Welt brüteten und so alle möglichen und unmöglichen Haltungen aufnehmen konnten, gab es in der Gemeinschaft einen lebendigen Diskurs und damit immer jemand, der eine andere Meinung vertrat, erklärt Sechser.
Dies habe oft die eigenen Ängste und Ansichten relativiert. „Wir haben jetzt einfach auch schon zehn Jahre lang Kommunikationskultur geübt“, sagt Marie Luise Stiefel. Zu Verwerfungen kam es deshalb nicht, auch wenn die Krise bei vielen Ängste und Traumata geweckt habe. Denn die Krise habe bei manchen Mitgliedern am „Eingemachten“ gerührt. „Die Gemeinschaft trägt in solch einem Fall“, sagt Stiefel. Sie fördere so die Resilienz.

Tempelhof-Gemeinschaft möchte eine zweite Bezugsgruppe bauen

Doch zwei Personen konnten diesen Weg nicht mitgehen und haben die Gemeinschaft verlassen. Die meisten anderen aber hätten das Zusammenleben gerade in dieser Zeit als besonders bereichernd erlebt. „Wir sind zusammengerückt“, sagen Sechser und Stiefel. „Wir haben auch festgestellt, dass unsere Größe mit 100 Erwachsenen und 50 Kindern genau richtig ist. Das war uns zwar systemtheoretisch klar, doch die Krise hat es jetzt auch praktisch gezeigt.“ Denn mit 150 Personen sei die Gemeinschaft groß genug, um vielfältig zu sein. Und klein genug, um sich noch direkt austauschen zu können.
Die Krise habe deshalb auch gezeigt, dass die Gemeinschaft nicht einfach in den bisherigen Strukturen weiterwachsen könne. „Wir denken eher an eine zweite Bezugsgruppe, die sich vielleicht rund um das Earthship entwickeln könnte“, sagt Sechser.

Feier zum zehnjährigen Bestehen wird nachgeholt 


Wolfgang Sechser ist Gründungsmitglied und „Corona-Beauftragter“ der Gemeinschaft Schloss Tempelhof und berichtet von den Veränderungen, die die Corona-Einschränkungen auch dort nach sich zogen: „Wir hatten natürlich Schule und Café geschlossen und alle Veranstaltungen abgesagt.“ Für diese Arbeitsplätze wurde auch Kurzarbeit beantragt. Weil Gäste fehlten, war das Gelände fast nur von der Gemeinschaft belebt. „Wir haben ja sonst immer Gäste – 10 000 Übernachtungen pro Jahr. Wir haben die Ruhe genossen“, sagt Marie-Luise Stiefel, eine Bewohnerin. Doch dass die Feiern und Veranstaltungen zum zehnjährigen Gründungsjubiläum der Gemeinschaft Anfang Mai nicht wie geplant abgehalten werden konnten, bedauern alle. Die Feier wird im nächsten Jahr nachgeholt. Das Café im Tempelhof, das als Schülerfirma geführt wird, hat nun wieder sonntags geöffnet und im Hofladen gibt es Gemüse, Kräuter und Jungpflanzen. uts