Crailsheim Kleines Siedlungshaus als neue Chance

Die Sauerbrunnensiedlung im Jahr 1956 – mit Siedlungsstraßen. Beim Einzug der ersten Bewohner fehlte die Infrastruktur noch.
Die Sauerbrunnensiedlung im Jahr 1956 – mit Siedlungsstraßen. Beim Einzug der ersten Bewohner fehlte die Infrastruktur noch. © Foto: Stadtarchiv Crailsheim
Crailsheim / Helga Steiger 19.06.2018
Die Crailsheimer Sauerbrunnensiedlung enstand in den Jahren 1950 bis 1961. Wer hier wohnen wollte, musste sich um einen Siedlungsplatz bewerben.

Nach der Zerstörung der Crailsheimer Innenstadt im April 1945 und dem Zuzug von Heimatvertriebenen ab Oktober des Jahres herrschte in Crailsheim ein immenser Mangel an Wohnraum. Der Crailsheimer Stadtarchivar Folker Förtsch hat sich intensiv mit dieser Zeit befasst und dabei auch die Entstehung der Crailsheimer Sauerbrunnensiedlung aufgearbeitet, die zur Linderung der Wohnungsnot errichtet wurde. Er erläutert: „Für Menschen, die bisher in Flüchtlingsunterkünften untergebracht oder auf Bauernhöfen eingewiesen waren, bedeutete ihr kleines Siedlungshaus eine neue Chance.“

Der Kreissiedlungsausschuss, ein Gremium des ehemaligen Landkreises Crailsheim, schlug bereits im November 1949 den Bau eines Wohngebietes auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes vor. Im nahe der Stadt gelegenen nördlichen Bereich sollte eine sogenannte „Nebenerwerbssiedlung“ entstehen, die für aus Osteuropa geflüchtete Landwirte vorgesehen war, die sich dort auf einem größeren Grundstück selbst versorgen konnten. Eine Siedlerstelle bestand aus Wohnhaus, Kleintierstall, Garten und einem Stück Pachtland mit insgesamt acht Ar Fläche.

Bau in sieben Phasen

Die Gebäude wurden von der Württembergischen Landsiedlung, einem Unternehmen des Landes, ab Juni 1950 errichtet. Architekt war Erwin Senftleben aus Stuttgart, der Bauleiter vor Ort Gerhard Koch. Die Erschließung sollte die Stadt Crailsheim tragen, die jedoch die hohen Kosten nicht alleine stemmen konnte. Daher wurde abschnittsweise in insgesamt sieben Phasen in den Jahren 1950 bis 1961 gebaut. Der erste Bauabschnitt umfasste den Bereich der Friedrich-List-, Max-Eyth-, Bosch-, Daimler- und Dieselstraße. Nach Fertigstellung der ersten Wohnhäuser entstanden auch Läden und eine Gaststätte.

Die Wohnhäuser wurden zweigeschossig mit Unterkellerung in einer „einhüftigen Bauweise“ errichtet, das heißt, nach Osten waren sie einstöckig, nach Westen zweistöckig, mit je 54 Quadratmetern Wohnfläche. Die Wohnungen sollten nach einem Verteilerschlüssel von sieben zu drei vergeben werden. Folker Förtsch erläutert: „Das heißt, von zehn Siedlern sollten sieben sogenannte „Neubürger“, also Flüchtlinge und Vertriebene, sein, und drei „Altbürger“, also Einheimische.“

Wer in der Sauerbrunnensiedlung wohnen wollte, musste dazu einen Antrag stellen und fachlich-landwirtschaftliche Eignung nachweisen. Kinderreiche Familien wurden bevorzugt. Förtsch ergänzt: „Grundsätzlich keine Berücksichtigung fanden ledige oder alleinstehende Personen, Bewerber, die außerhalb Nordwürttembergs wohnten sowie ehemalige NSDAP-Mitglieder, die in ihrem Spruchkammerverfahren in die Gruppen der „Hauptschuldigen“ oder „Belasteten“ eingestuft worden waren.“

Die Zuteilung erfolgte im Losverfahren, die Häuser des ersten Bauabschnitts wurden im Mai 1951 im Gasthaus „Dreikönig“ in der Wilhelmstraße ausgelost. Die Wohnungsanwärter mussten 250 Arbeitsstunden leisten, sowie eine Anzahlung von 500 D-Mark. Nach drei Jahren Mietzahlung ging die Wohnung in ihr Eigentum über.

Mitte des Jahres 1951 zogen etwa 550 Menschen in ihre neuen Wohnungen, allerdings war die Infrastruktur über Jahre hinweg noch nicht fertiggestellt. Förtsch stellt fest: „So kam es zur kuriosen Situation, dass die 68 Gebäude des ersten Bauabschnitts mit ihren 136 Wohnungen im Januar 1951 im Rohbau fertig waren, die Erschließung mit Gas- und Wasserleitung, Dolen oder Straßen jedoch noch nicht einmal begonnen worden war.“

Im „Hohenloher Tagblatt“ wird am 2. Juni 1951 über diese Situation berichtet: „Dies hat zur Folge, daß all das, was in dieser Siedlung einst Straße sein will, den wilden Eindruck eines umgewühlten Kampfplatzes macht.“

Anfangs quälten sich Raupenfahrzeuge beim Einzug einer Familie durch den Matsch. Bei Regen liefen Keller voll. Die Menschen aus der Siedlung waren an ihren dreckigen Schuhen erkennbar. So etablierte sich die Benennung „Saubachsiedlung“, nach der Lage am Saubach – allerdings als Schmähbegriff. Erst ein Gemeinderatsbeschluss vom 3. Oktober 1951 legte den Namen Sauerbrunnensiedlung fest, nach dem früheren Heil- und Kurbad an der Haller Straße.

Dennoch waren die Mieter sehr zufrieden mit ihren Wohnungen und dem schönen Blick in Richtung Innenstadt. Und so wuchs die Siedlung schnell. Förtsch: „Im Endausbau Anfang der 1960er-Jahre bestand die Sauerbrunnensiedlung aus 139 Siedlungshäusern mit je zwei Wohnungen. In ihnen hatten 260 Familien mit rund 1200 Menschen einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. In diesen Jahren war der Sauerbrunnen die größte Siedlung in Crailsheim.“ Aus den Erfahrungen der Not der Nachkriegszeit wurde 1957 die Siedlungsgemeinschaft Sauerbrunnen ins Leben gerufen, die bis heute viele Projekte im Stadtteil umsetzt.

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