Anstatt Kantor Christoph Broer saß beim Neujahrskonzert in der Crailsheimer Johanneskirche diesmal Tobias Wolber, Lehrer am Albert-Schweitzer-Gymnasium, hinter der Orgel. Broer sei zwar wieder genesen, so Dekanin Friederike Wagner in ihrer Begrüßung, habe das Konzert aber trotzdem an Wolber abgetreten.

Und dieser positionierte Bachs berühmte Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565 weniger in dramatischen oder grübelnd tiefsinnigen Bereichen. Die Toccata spielte er weniger gewichtig, weniger düster und in zügigem Tempo, als sie sonst zu hören ist. Dadurch wurde – wie auch später in der Fuge – das virtuose Moment etwas stärker herausgestellt. Schön gelangen in einem Zwischenspiel die Wechsel zwischen unterschiedlich registrierten Manualen.

Zur Toccata in F-Dur BWV 540 verstand es Wolber, sein Staccato-Spiel federnd zu gestalten, sodass das Toccatahafte des zu großen Teilen kanonisch geführten Stücks deutlich thematisiert wurde. Dies betraf auch die Pedal-Solopassagen. Statt wuchtig wirkte das Werk eher tänzelnd, wobei das Wandern der Motivik durch die Stimmen wunderbar nachvollziehbar war.

Ein Zeitgenosse Bachs in Frankreich war der am Hofe des Sonnenkönigs tätige François Couperin. Wolber hatte von ihm fünf Stücke aus der „Messe pour les convents“ gewählt. Sie bestachen zunächst durch eine strahlend-helle Registrierung, prachtvoll mehr mit Blick auf die Ausgestaltung der Melodiestimme.

Dramatisch getönte Momente

Das traf besonders auf das tänzelnd interpretierte „Duo sur les Tierces“ und auf das noch gesang­licher betonte „Chromhorne sur la Taille“. Deutlich nachvollziehbar waren die Wechsel zwischen den Stimmen im „Dialogue sur les grands jeux“.

Ums gekonnte Registrieren ging es nicht nur bei den Couperin-Stücken, sondern auch bei César Francks „Choral III“ in a-Moll. Dramatisch getönte Momente trafen auf Akkordschichtungen, gesangliche Passagen auf schnelle Figurationen. Melodieumspielungen und fantasieartiges Figurationsschweifen führten schließlich zur Klangapotheose. Wolber gestaltete dies klangfarbenreich.

Jehan Alains „Choral dorien“ aus dem Jahr 1935 legte Wolber nach gedämpftem Beginn mit schön gezogenem Legato-Spiel zunehmend spannungsreich als langangelegte Steigerung mit klar hervorgehobener Harmoniefolge an. Der von Alain ein Jahr zuvor komponierte „Jardin suspendu“ wirkte nach Francks opulentem Werk zu Beginn sehr zart. Auch hier wurden Klangfarben unterstrichen. Eher als tänzerische Ekstase erscheint dagegen das 1937 geschriebene Orgelwerk „Litanies“. Drängendes Spiel führte zum euphorisch klingenden Finale, mit dem Wolber Alains Idee vom Gebet als „Tornado“ nahekam.

Weihnachtslieder mal anders

Den eigentlichen Schluss bildete danach eine Improvisation von Weihnachtsliedern. Mit weichen Klängen ließ Wolber sie unter ständigem Melodiezitieren von „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“ lichter werden. Nach dem tänzerischen Streifen mit Jazzharmonien unter anderem von „Feliz Navidad“ rutschte „O du fröhliche“ ins Pedal.

Nach plötzlichem Innehalten beschloss Wolber die Improvisation sehr leise mit „Stille Nacht“, was viel Beifall nach sich zog. Als Zugabe gab es noch ein Stück im, so Tobias Wolber, „Stil des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker“: einen locker, gelöst klingenden Marsch.

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