Davor hat Alexander Franz Angst: Eines Tages keinen Antrieb mehr in sich zu spüren, keine Ziele zu haben, nichts ändern zu wollen – und schließlich einen lapidar-gleichgültigen Satz zu sagen, den aus seiner Sicht niemals ein Schulleiter sagen sollte. Diesen hier: „Ach, ich hab’ ja eh nicht mehr so lang.“

Franz’ Angst hat noch keinen realen Anknüpfungspunkt. Erstens ist der neue Leiter der Schloss-Schule erst 40 und hat damit durchaus noch lange. Zweitens kann er sich nun wirklich nicht über einen Mangel an Antrieb und Zielen beklagen – im Gegenteil: „So, wie ich gerade arbeite, werde ich nicht ewig weitermachen können“, sagt er. Vier Stunden Schlaf mussten seit seinem Amtsantritt meistens reichen, in den restlichen 20 Stunden des Tages ginge es fast ausschließlich um Schule, Schule, Schule. „Es gibt einfach ein riesiges Feld an Dingen, die angegangen werden müssen“, sagt er, ohne sich zu beklagen: „Ich sehe das als tolle Lernphase.“

Weihnachtsmarkt Kirchberg Auch bei Tageslicht sehr reizvoll

Kirchberg

Vater von vier Kindern

Franz, gebürtiger Sachse und Vater von vier Kindern, kam vor über fünf Jahren als stellvertretender Schulleiter nach Kirchberg. Als sein bisheriger Chef Helmut Liersch im Sommer überraschend vom Kuratorium abberufen wurde, warf man Franz als kommissarischen Nachfolger ins kalte Wasser. Und über selbigem hat er sich offensichtlich gut gehalten – denn für den bald darauf ausgeschriebenen Schulleiterposten interessierten sich neun qualifizierte Pädagogen, die Wahl fiel aber auf Franz. Beim Bewerbungsverfahren mussten sich die Kandidaten vor den Lehrern, dem Kuratorium und einer Gruppe von Schülern präsentieren. „Ich hatte natürlich den Vorteil, dass ich die Schule schon genau kannte“, sagt Franz.

Als große Herausforderung und vordringliche Aufgabe betrachtet er es, überzeugende Pädagogik und wirtschaftsstrategisches Denken zusammenzubringen. Die Schloss-Schule ist nun einmal eine Privatschule und als solche ein Unternehmen, das auf Kunden – in diesem Fall Eltern und ihre Kinder – angewiesen ist. „Ich will mehr Kundenorientierung aufbauen. Wir müssen Gründe liefern, zu uns zu kommen“, sagt Franz. „Das fängt bei der Wertschätzung an.“ Deshalb gibt es in diesem Jahr für wirklich jeden eine Weihnachtskarte.

Und deshalb versteht sich Franz auch als Vorbild. Für ihn heißt das, immer eine Krawatte zu tragen, möglichst als Erster zu kommen und als Letzter zu gehen, in der Zwischenzeit eine offene Tür zu haben. Von solchen fast schon altmodisch wirkenden Tugenden sollte man aber nicht auf Franz’ Bild einer modernen Schule schließen: Sie müsse die jungen Leute fit für die Welt von morgen machen, betont er. Für eine Welt also, die wir bisher nur in Grundzügen kennen, deren digitale Auswüchse man auch skeptisch sehen darf, die man aber nicht ignorieren könne. Von Scheuklappen-Fachdenken hält Franz ebenso wenig wie von Noten, die kaum etwas über den Menschen dahinter aussagten. Es gehe heute um das Training von Teamfähigkeit und Flexibilität, um projektbezogenes Arbeiten, um Gehirnbildung – nicht im Sinne ­einer geschmeidigen wirtschaftlichen Verwertbarkeit, sondern als absolute Notwendigkeit in Zeiten eines tief greifenden, gesamtgesellschaftlichen Wandels.

Gefahr für die Demokratie

Wenn die heutige Schullandschaft sich nicht ändert, ist Franz überzeugt, schafft sie sich auf Dauer ab. „Es gibt ja schon Unternehmen, die ihre eigenen Schulen aufmachen“, sagt er. Diese Entwicklung konsequent zu Ende gedacht ist für ihn eine Gefahr für die Demokratie.

Dagegen kämpft er an – mit Freude. Schließlich beschreibt er sich selbst als „Entwickler“. Der Umbruch ist sein natürlicher Lebensraum: „Ich bin nicht der Kontinuitätsmensch“. An der Schloss-Schule will er mindestens weitere fünf Jahre bleiben, ewig aber nicht. „Ich gehe immer dann, wenn es am schönsten ist“, sagt Franz. Auf dass er niemals lapidar-gleichgültige Sätze spreche.