Dass es unter den Kirchberger Flüchtlingen ein Gewaltproblem gibt, davon sind zwei Sozialarbeiterinnen überzeugt, die sich in letzter Zeit in der Stadt um Flüchtlinge gekümmert haben – ehrenamtlich und auf eigene Initiative.

Christine Österlein ist eine dieser beiden Sozialarbeiterinnen. Ihrer Aussage nach gehe es in Flüchtlingsfamilen „deftig“ zu. Frauen schlügen ihre Kinder, Männer ihre Frauen. Sie sei mehrfach Zeugin von Auseinandersetzungen „kurz vor der Tätlichkeit“ geworden, habe selbst aber nicht gesehen, dass eine Frau geschlagen worden sei.

Die unangenehme Wahrheit

Deutlicher wird Österleins Kollegin Maria Casanova. Sie habe bei Frauen blaue Augen und rote Flecken gesehen, die von Schlägen herrührten. In einem Fall sei eine Frau verletzt gewesen, habe es aber abgelehnt, ins Krankenhaus gebracht zu werden. „Das ist eine sehr unangenehme Wahrheit, aber es ist eine notwendige Wahrheit“, sagt Casanova im HT-Gespräch.

Wer sich im Kirchberger Freundeskreis Asyl umhört, gewinnt einen völlig anderen Eindruck. Unter den Kirchberger Flüchtlingen gebe es kein Gewaltproblem, sagt Dieter Sudermann vom Freundeskreis. Zwar komme es schon einmal beispielsweise zu Streitigkeiten zwischen Syrern und Afghanen, aber nicht zu Tätlichkeiten. „Häusliche Gewalt wird es im Einzelfall geben, aber uns ist kein Fall bekannt, bei dem man hätte eingreifen müssen“, sagt Sudermann. Bernard Cantré vom Freundeskreis meint, dass es unter den Flüchtlingen verschiedener Nationalitäten gelegentlich zu Spannungen gekommen sei, aber das habe sich eingespielt. Von Gerüchten über häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder habe er gehört, er habe aber dazu selbst keine konkreten Erfahrungen.

Laut Polizei "absolut problemlos"

Der Polizei ist bisher ein einziger Fall bekannt geworden, bei dem eine Frau von ihrem Ehemann geschlagen wurde. Die Sicherheitslage in den Unterkünften im Schloss und im Adelheidstift, die vorwiegend durch Familien belegt seien, „kann aus polizeilicher Sicht als absolut problemlos, unauffällig und spannungsfrei bezeichnet werden“, antwortete das Polizeipräsidium Aalen auf eine HT-Anfrage. Generell habe es in den beiden Unterkünften im Hauptort nur wenige Polizeieinsätze gegeben, „sofern man diese überhaupt als solche bezeichnen kann“. Dabei ist es um einen Hausfriedensbruch gegangen, der von einem Deutschen begangen worden war, um einen verunglückten Radfahrer, um einen Brandfehlalarm und um einen angeblichen Diebstahl, bei dem sich ein nicht belegbarer Tatverdacht gegen einen Flüchtling gerichtet hatte.

Auch dem Landratsamt Schwäbisch Hall ist lediglich ein Fall von häuslicher Gewalt bekannt geworden. Die Anzeige sei jedoch von der Frau zurückgezogen worden, teilt das Landratsamt auf HT-Anfrage mit. Generell sei die Lage im Schloss und im Adelheidstift „nicht unsicher“, da dort Familien untergebracht seien. Christine Österlein ist dagegen davon überzeugt, dass die traumatisierten Flüchtlinge in der Öffentlichkeit „ein komplett anderes Bild“ abgeben als in den eigenen vier Wänden. Zu einer Zusammenarbeit zwischen ihr und dem Freundeskreis ist es nicht gekommen, was Österlein als „Zurückweisung“ einstuft. Und auch ihr Verhältnis zum Landratsamt Schwäbisch Hall ist schwierig: Die Behörde hat ihr ein Hausverbot für die Gemeinschaftsunter- künfte des Landkreises erteilt.

Ein Hausverbot hat Christine Österlein auch die Stiftung „Haus der Bauern“ erteilt, die Eigentümerin des Schlosses ist. Österlein sei die Urheberin der in Kirchberg umlaufenden Gerüchte, sagt Rudolf Bühler, der Vorsitzende der Stiftung. Er verweist darauf, dass es in Kirchberg in Person der Lehrerin Christine Hofmann eine Integrationsbeauftragte gebe, die sich um Flüchtlingskinder kümmere.