Crailsheim Keine Ahnung von der 50 Kilometer entfernten Hölle

Ralf Garmatter recherchierte die NS-Karriere von Dr. Werner Ansel.
Ralf Garmatter recherchierte die NS-Karriere von Dr. Werner Ansel. © Foto: Zigan
Crailsheim / Harald Zigan 12.09.2018
Ein Vortrag des Journalisten Ralf Garmatter beleuchtet die bisher weithin unbekannte Rolle, die der frühere Landrat Dr. Werner Ansel während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Polen spielte.

Kein Wunder, dass das Forum in den Arkaden in Crailsheim bei einem vom Historischen Verein und dem Stadtarchiv organisierten Vortrag aus allen Nähten platzte: Bisher war in der Öffentlichkeit so gut wie nicht bekannt, welche Rolle Dr. Werner Ansel, von 1948 bis 1972 Landrat des damaligen Kreises Crailsheim, während des Zweiten Weltkrieges in Polen spielte.

„Es geht hier nicht um das Vorführen einer vor 30 Jahren gestorbenen Person – aber zu der Geschichte der Opfer gehört auch die Frage, wie die Täterseite funktioniert hat“, sagte Stadtarchivar Folker Förtsch. Auch Ralf Garmatter, der die NS-Karriere von Dr. Werner Ansel für die Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ akribisch recherchiert hat, ging es nicht um eine späte „Abrechnung“ oder um eine Einstufung auf der Täter-Skala. Und es müsse „jeder, der ihn noch persönlich kannte, selbst bewerten, ob Ansel seine Lehren aus der NS-Zeit gezogen hat“, sagte der freie Journalist aus Kirchberg am Ende seines profunden Vortrags.

Der aus Esslingen stammende Jurist und Verwaltungsbeamte Ansel, der nach seinen eigenen Angaben wegen eines Konfliktes mit NS-Funktionären von Heilbronn nach Polen versetzt worden war, fungierte als nicht gerade kleines Zahnrad in der gnadenlosen Vernichtungsmaschinerie.

Große Machtfülle

Als einer von 59 so genannten „Kreis- und Stadthauptleuten“ an der Spitze der zivilen Verwaltung im besetzten „Generalgouvernement“ saß er von Oktober 1939 bis März 1942 in Bilgoraj, anschließend bis Dezember 1942 in Cholm und hier nach einem Fronteinsatz bei der Wehrmacht erneut im Juli 1944 auf einem Posten mit großer Machtfülle.

Auch Ansel unterstanden jüdische Ghettos und Arbeitslager als Vorstufen des Massenmordes. Auch für ihn bildete die Ausbeutung von polnischen Landwirten und die Zwangsrekrutierung von Arbeitssklaven für das Reich eine Hauptaufgabe.

Ansel war kaum in Bilgoraj angekommen, als die Gestapo bereits tödliche Hetzjagden auf polnische Zivilisten machte: „Die Aktionen spielten sich vor aller Augen ab – auch wenn Ansel nicht für die Gestapo zuständig war, musste ihm von Anfang an klar gewesen sein, welche Helferdienste er als Chef der Zivilverwaltung für die Ausbeutungs- und Mordkommandos der Nazis leistete“, sagte Ralf Garmatter.

Noch näher an die Hölle der fabrikmäßigen Vernichtung von Menschen rückte Dr. Werner Ansel in Cholm heran: Nur 50 Kilometer von seinem Dienstsitz entfernt wurde das Vernichtungslager Sobibor errichtet, wo insgesamt 250.000 Menschen vergast wurden.

Bei polizeilichen Vernehmungen nach dem Krieg räumte Ansel ein, dass er Sobibor zusammen mit einem Baurat seiner Dienststelle, der an der Planung des Lagers beteiligt war, besucht habe – allerdings vor der Fertigstellung. Und vom eigentlichen Zweck des Lagers habe er noch bis zum Jahr 1943 keinerlei Ahnung gehabt, obwohl sich die Nachricht von dem apokalyptischen Schreckensort Sobibor wie ein Lauffeuer unter der Bevölkerung verbreitet hatte.

Überhaupt sei das Lager bis zum Ende seiner Dienstzeit in Cholm im Dezember 1942 nicht belegt gewesen. Tatsächlich waren in Sobibor allein bis zum Juli 1942 schon 90.000 Menschen ermordet worden.

Vehement bestritt Ansel auch die Organisation von „Aussiedlungsaktionen“, die für die jüdischen Opfer direkt in die Gaskammer führten. Nach einer Zeugenaussage von Ansel bei einem Prozess vor dem Schwurgericht Hannover strengte die Staatsanwaltschaft 1964 ein Ermittlungsverfahren gegen den einstigen Kreishauptmann an. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord. Ansel soll im Mai 1942 am Abtransport von 400 österreichischen Juden aus Wlodawa in das Vernichtungslager Sobibor „verantwortlich mitgewirkt haben“. Das Verfahren wurde 1968 eingestellt.

Als „Mitläufer“ eingestuft

Die höchstwahrscheinlich von Ansel im Juni 1940 angeordnete Erschießung von sieben polnischen Zivilisten als Vergeltung für den tödlichen Überfall auf einen Gendarmen blieb ohne jegliche juristische Folgen. Aber noch bis in das Jahr 1982 hinein wurde Ansel immer wieder bei polizeilichen Vernehmungen oder als Zeuge vor Gericht von seiner Vergangenheit eingeholt. Von einer Spruchkammer wurde er 1947 als „Mitläufer“ eingestuft. Problemlos wählte ihn der Kreistag 1948 zum Landrat.

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