Crailsheim AWO-Ortsverein aufgelöst

Alfred Gieß stand 22 Jahre an der Spitze der AWO in Crailsheim.
Alfred Gieß stand 22 Jahre an der Spitze der AWO in Crailsheim. © Foto: Unbehauen 
Crailsheim / Sebastian Unbehauen 08.08.2018
In der Arbeiterstadt Crailsheim geht eine Ära zu Ende: Der Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat sich aufgelöst, weil sich kein neuer Vorstand gefunden hat.

Alfred Gieß blutet das Herz. „Bei uns daheim ist AWO hinten, AWO vorne“, sagt er. Seit 1996 nämlich war er Vorsitzender des Crailsheimer Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt, und: „So ein Verein ist ja wie ein Haushalt. Da braucht man jemanden, der sich kümmert.“ Gieß und seine Mitstreiter waren und sind solche Kümmerer. Sie haben zum Beispiel dafür gesorgt, dass es einmal in der Woche eine Sprechstunde und einen Kaffeenachmittag gab, einmal im Monat steht ein Busausflug auf dem Programm.

Aber es können sich nicht ewig dieselben Leute kümmern. Und das klingt dann in einer Pressemitteilung so: „Die intensiven Bemühungen – schon während der letzten Jahre – für die anstehenden Neuwahlen 2018 ein neues Vorstandsgremium zu finden sind endgültig gescheitert. Trotz mehr als 90 Mitgliedern konnte sich niemand bereit erklären, sich der Aufgabe zu stellen. Der bisherige Vorstand ist zum Teil weit über 70 Jahre alt und in den einzelnen Funktionen schon drei Jahrzehnte ehrenamtlich für die AWO tätig. Das allgemeine Verständnis, dass nach so vielen Jahren eine Verjüngung wohl richtig und notwendig erscheint, hat leider nicht zu einem neuen Gremium geführt.“ Wo freilich kein Vorstand mehr ist, da kann auch kein Ortsverein mehr sein – seine Auflösung wurde auf einer außerordentlichen Hauptversammlung einstimmig beschlossen.

Damit endet in Crailsheim eine Ära, die am 13. August 1964 im „Grünen Baum“ in der Langen Straße begonnen hatte. Da hatten elf Engagierte rund um den AOK-Geschäftsführer Rudolf Golly den Verein aus der Taufe gehoben. Vor vier Jahren noch feierte man das 50. Jubiläum in Roßfeld und blickte auf manches segensreiche Wirken des Vereins zurück: auf das Engagement bei der Gründung anderer Vereine wie der „Hauspflege und Nachbarschaftshilfe“ oder beim Bau des Wolfgangstifts etwa. Auch der mobile Hilfsdienst „Kompass“, aus dem die Aufbaugilde hervorging, war eine AWO-Initiative.

„Die AWO springt immer dort ein, wo Hilfe benötigt wird“, sagt Gieß. Der 76-Jährige saß für die SPD im Gemeinderat und findet: „Als gutes SPD-Mitglied ist man auch Mitglied in der AWO, das gehört sich einfach.“

Wie geht es jetzt weiter? Aus dem Ortsverein wird ein AWO-Stützpunkt. Mitglieder bleiben Mitglieder, nun eben im Kreisverband. Dieser übernimmt die Verwaltungsaufgaben. Und weil der AWO zu allem Überfluss auch noch die bisherigen Räumlichkeiten in der Schmalen Straße 10 gekündigt wurden, steht ein Umzug in die Ludwigstraße 14 an, unter ein Dach mit dem Kinderschutzbund. Sprechstunden gibt es nicht mehr, aber den Kaffeenachmittag will man zunächst beibehalten, auch die Ausflüge sind zumindest bis Jahresende organisiert. Die Kümmerer kümmern sich weiter. Aber soll das Angebot auf Dauer aufrechterhalten werden, müssen eben doch neue Ehrenamtliche gefunden werden – ganz unabhängig davon, ob es nun einen AWO-Ortsverein oder einen AWO-Stützpunkt gibt.

Gieß klingt durchaus ein bisschen bitter, wenn er sagt: „Man muss sich damit abfinden, dass niemand mehr etwas machen will, wenn er es nicht bezahlt kriegt.“ Aber der Roßfelder hat natürlich auch die Hoffnung, dass er eines Besseren belehrt wird. Selbst ein Weg zurück vom Stützpunkt zum Verein sei denkbar – wenn, ja wenn, es jemand in die Hand nehme.

Zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt

Die Sozialdemokratin Marie Juchacz, damals Mitglied der Nationalversammlung, gründete die AWO 1919 als „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“  Es handelte sich um eine Selbsthilfeeinrichtung für die vom Ersten Weltkrieg gebeutelte Arbeiterschaft, die Nähstuben, Mittagstische, Werkstätten und Beratungsstellen unterhielt. Die Nazis verboten die AWO nach dem gescheiterten Versuch, sie gleichzuschalten. Heute gehört die AWO zu den sechs Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Sie hat über 3500 Ortsvereine mit rund 333.000 Mitgliedern und beschäftigt mehr als 200.000 hauptamtliche Mitarbeiter in 13.000 Einrichtungen wie Heimen, Tagesstätten, mobilen Diensten und Beratungsstellen.

Wer sich in der AWO engagieren möchte, kann sich bei Alfred Gieß unter Telefon 07951/21270 melden.

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