Im Jahr des 500-jährigen Jubiläums der Reformation hätte der Crailsheimer Rathausturm groß herauskommen können – zumal er mit fast 58 Metern der höchste Turm in der Stadt ist. Neben dem Hauptportal prangt eine Bronzetafel mit der Inschrift: „Neu erbaut zur Feier des Reformationsfestes unter der Regierung Wilhelm Friedrichs Markgrafen von Ansbach 1717“. Auch auf der steinernen Tafel über dem Portal wird der Bezug zur Reformation hergestellt.

Daher wurde der Turm lange als eines der höchsten Reformationsdenkmale bewundert, auch wenn Gegenstimmen zu hören waren. Auch der Stadtarchivar Folker Förtsch stellt klar: „Der Rathausturm ist kein Denkmal der Reformation. Da muss ich die Erwartungen leider enttäuschen. Es gibt keinen Hinweis auf eine inhaltliche Verknüpfung beider Ereignisse.“

Die vorhandenen Quellen belegen eher das Gegenteil. So wird im Richtspruch des Zimmermanns Johann Matthias Sinzel auf das Jubiläumsjahr verwiesen, ein Zusammenhang zum Turmbau wird nicht hergestellt: „In dem ihr Jubeljahr die Kirche Gottes feyert, ist dieses Thurmgebäud‘ zu jedermanns Vergnügen auf hundert achtzig Schuh in seiner Höh‘ gestiegen“.

Dass der Bau des Turmes tatsächlich kein Vergnügen war, kann man in Karl Wiedmanns Stadtbaugeschichte „Krail und Horaff“ nachlesen. Wiedmann verweist auf die Aufzeichnungen von Johann Christoph Mack, Rotgerber und Mitglied im Stadtrat bis zu seinem Tod 1740. Mack hat ein Bautagebuch niedergeschrieben. Gleich sein erster Eintrag im Jahr 1707 belegt die Baufälligkeit der Rathausmauer, auf welcher der Vorgängerturm stand und für deren Finanzierung der Markgraf zuständig war. Der Turm wurde zur Sicherheit abgerissen, wodurch die offen stehende Mauer noch baufälliger wurde.

Nach einer Fürsprache in Ansbach erreichte Mack zwar 1713 einen Neubau der Giebelwand, die dann aber schlecht ausgeführt wurde. Die Crailsheimer Räte weigerten sich, einen Turm darauf zu setzen. Erst als der markgräfliche Baumeister Karl Friedrich von Zocha einen frei stehenden Turm plante, und das alte Rathaus bis zu seinen Mauern verlängert werden konnte, wurden die Arbeiten 1717 und 1718 ausgeführt, die Haube 1719 gedeckt. Da war das Reformationsjubliäum schon längst Geschichte.

Mit Kuhhorn gewarnt 

Der Turm diente vielfältigen Zwecken. Ganz unten befand sich bis 1913 die Stadtwaage und ganz oben wohnte der Türmer. Hier hatte er direkten Zugang zum Umgang des Turmes, wo er vor Feuersgefahr oder anrückenden Feinden warnen konnte. Dafür schaffte die Stadt 1445 ein Kuhhorn als Signalhorn an. Der Türmer fungierte später auch als Stadtmusikus. Uhr und Glocken sind schon Mitte des 15. Jahrhunderts erwähnt. In den Stadtrechnungen finden sich auch Hinweise auf die ersten Brandschutzmaßnahmen. So wurde 1463 Erde auf den Turm getragen, „damit er vor dem Feuer sicher sein möge“. Nötig war diese Maßnahme in jedem Fall: Mehrmals gab es Blitz­einschläge, 1835 brannte dadurch der Turm komplett aus.

Dieses Schicksal ereilte den Turm ein zweites Mal bei einem Luftangriff am 23. Februar 1945. Ein Junge starb auf tragische Weise. Nach dem Krieg wurden nur die Turmmauern hochgezogen. Über die Ausführung der Haube gab es größere Diskussionen. Die gebürtige Crailsheimerin Bertha Dinkel, geborene Leiberich, rief zu ihrem 80. Geburtstag 1977 eine Stiftung ins Leben und verfügte, dass der Turm „genau in seiner überlieferten Gestalt“ wieder errichtet werden sollte.

In den folgenden zwei Jahren kamen mehr als 250.000 Mark zusammen. In einer spektakulären Aktion wurde der 16 Tonnen schwere Turmhelm am 13. Oktober 1979 von zwei Spezialkränen auf den Turm gehievt. Seither kann man wieder von oben einen Rundumblick über Crailsheim genießen.

Info Im Inneren des Turms gibt es eine Ausstellung zur Geschichte des Rathauses. Der Turm kann außerhalb der Storchensaison bei Stadtführungen bestiegen werden. Informationen gibt es im Stadtarchiv.