Rot am See Kein Stückwerk für Rathausumbau

Das aufgesetzte Dach wird durch ein begrüntes Flachdach ersetzt, das aus unterschiedlichen Baukörpern bestehende Ensemble insgesamt harmonisiert, seine Besonderheiten herausgearbeitet.
Das aufgesetzte Dach wird durch ein begrüntes Flachdach ersetzt, das aus unterschiedlichen Baukörpern bestehende Ensemble insgesamt harmonisiert, seine Besonderheiten herausgearbeitet. © Foto: Büro Beck
Rot am See / Birgit Trinkle 25.04.2018
Der Gemeinderat hat über fünf Ideen beraten, das Rathaus umzubauen.

Innerhalb der Ausschreibung oder nicht innerhalb der Ausschreibung? Eine Frage, die Bürgermeister Gröner selbst aufwarf, immerhin hatte Rot am See eine Planung gesucht, die das äußere Erscheinungsbild des Rathauses so wenig wie möglich verändert. Zunächst ging es nur um Barrierefreiheit, Brandschutz, die energetische Sanierung und ein besseres Zusammenspiel der einzelnen Gebäudeteile. Beschlossen wurde am Montag eine weitergehende Variante.

Für Architekt Dr. Alexander Beck stellte sich die Frage nach den Grenzen der Ausschreibung nur bedingt. Er sieht das jetzige Rathaus in Rot am See eher kritisch, nämlich als „auf Stahlbeton gesetzte Westernkonstruktion; deshalb zieht’s da auch so“. Ein fünfköpfiges Planungsteam habe sich den Holzplatten und der Statik gewidmet und ganz klar herausgearbeitet: „Hier Hand anzulegen, würde erhebliche Kosten verursachen.“ Entscheidend für Beck war aber etwas anderes: „Das Rathaus sah in den 70er-Jahren anders aus, das war was ganz Besonderes, wie ein Raumschiff auf Stützen, absolut mit Denkmalqualitäten; in dieser Form hätt ich die Fassade nicht angetastet.“ HT-Redakteur Harald Zigan hat ihm dann mit Archivbildern ausgeholfen, die ihn in seiner Einschätzung bestätigten: „Mit dem 90er-Jahre-Umbau gingen wesentliche Qualitäten verloren, die ganze Leichtigkeit ist weg; vom architektonischen Standpunkt aus wurde es total verhunzt.“ Für die jetzige Fassade spreche nur noch Gewöhnung. Nach dem 90er-Umbau  einen dritten ablesbaren Bauabschnitt mit allen absehbaren bauphysikalischen Problemen zu planen, viel Geld für eine Sanierung auszugeben, die nicht mit der ursprünglichen „großartigen Fassade“ punkten kann – das sei kein unverzichtbarer Teil der Ausschreibung.

Lob für die beteiligten Büros

Jens Fuhrmann vom Kreisplanungsamt stellte im Namen der Fachjury in öffentlicher Sitzung alle fünf Planungen kurz vor, die nicht öffentlich offenbar ausführlich vorberaten waren. Einig waren sich alle, die sich in der Sitzung zu Wort meldeten, dass der Ideenwettbewerb richtig und auch die eingegangenen Pläne der Büros Kraft + Kraft aus Hall, Käppel + Klieber, Stuttgart, Müller Architekten, Heilbronn, sowie der Arbeitsgemeinschaft Company B – Betz und Polsfut aus Rot am See allesamt sehr gut und bereichernd gewesen seien.

Verwaltung und Gemeinderat sind während der vergangenen Wochen und Monate zum Schluss gekommen, dass die dringend notwendige Rathaussanierung auch dazu genutzt werden sollte, für die nächsten Jahrzehnte wieder ein modernes, ortsbildprägendes Rathausgebäude zu haben. Die Kostenschätzung des Büros Beck liegt „mit Vorsicht und Fragezeichen“ bei knapp vier Millionen Euro; die Spannbreite reicht von ungefähr 2,6 Millionen für die günstigste Sanierungsvariante bis zu 4,8 Millionen für einen weitergehenden Entwurf, der im Außenbereich ebenfalls große Veränderungen vorsah.

Susanne Nicklas-Bach (Allgemeine Wählervereinigung/CDU) erinnerte daran, wie alle Varianten intensiv durchgespielt wurden: „Jeder soll abstimmen, wie er will.“ Ralf Wagner (Aktiv und offen) sprach sich für den Beck-Entwurf aus; der Zusatznutzen für die Bevölkerung sei überzeugend, auch die Möglichkeit dieses für Rot wichtige Gebäude auf einen neuen Stand zu bringen. Bei Manfred Henningers Gegenstimme und zwei Enthaltungen wurde die Becksche Planung beschlossen. Diese Variante lässt viel Raum für Umstrukturierung und Neuorganisation, aber – wie das gesamte Projekt – hängt alles an einer Aufstockung der einen Million Euro, die bereits als Zuschuss bewilligt wurde, sowie an einer Zusatzförderung aus dem Ausgleichstock.

Ohne Polizeigebäude, mit der alten Post

Kern der beschlossenen Planung ist die Barrierefreiheit. Über einen außen angebauten Aufzug werden alle sechs Ebenen erreicht. Auch die alte Post kann genutzt werden.

Die alte Polizei, laut Planer Beck „billig und schlecht strukturiert angebaut“, wäre noch immer nicht barrierefrei gewesen. Sie soll abgerissen werden; an ihrer Stelle wird ein neuer Sitzungssaal gebaut, der auch als dritter Saal fürs Bürgerhaus genutzt werden kann. In einem großen Lagerraum können bei Bedarf die Konferenzmöbel untergebracht werden.

Im Rathaus selbst steht dann mehr Fläche – unter anderem für die längst zu klein gewordene Bücherei – zur Verfügung. Das Einwohnermeldeamt, ein schöneres, größeres Trauzimmer, generell die „publikumsintensiven Bereiche“ werden im Erdgeschoss zusammengefasst.

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