Normalerweise plätschert der Ziegelbach als harmloses Rinnsaal von der Langenburger Höhe her durch eine Klinge gen Bächlingen, quert das Dorf und mündet in die Jagst. Am Sonntagabend aber war nichts mehr normal: Der beschauliche Ziegelbach mutierte mit Unmengen an Wasser, Geröll und Schlamm zu einem Monster, das alles hinwegwalzte, was sich ihm in den Weg stellte.
 
 
Am Tag danach sind die Spuren des Unwetters in Bächlingen noch immer überall sichtbar – binnen neun Monaten die zweite Heimsuchung des Dorfes nach der verseuchten Jagst im August 2015. Einen Transporter fegte die Flut von der Alten Steige hinab in die Dorfmitte, einen Ford Fiesta drückte die unvorstellbare Gewalt des Wassers komplett in einen Brückendurchlass hinein und der Wirt des „Grünen Baums“ teilte das Schicksal vieler Bächlinger, deren Häuser von Schlammlawinen getroffen wurden.

„Bei uns ist nichts mehr heil – Gastraum, Küche und Lager, alles kaputt im Erdgeschoss, das Wasser stand 1,50 Meter hoch“, bilanziert Alfred Bartelmeß und deutet auf einen kapitalen Baumstamm, der durch eine Scheibe in die Wirtschaft katapultiert wurde.

Die Wirtstochter Nicole zog ihre Mutter Renate im letzten Moment hinter dem Tresen hervor, wo die Frau eingeklemmt war: „Das Wasser kam blitzartig, wir konnten nicht mehr zur Tür hinaus und mussten durch das Fenster flüchten“, sagt Nicole Bartelmeß.
 

Derart dramatische Szenen blieben Frieder Ziegler in der Mosesmühle erspart: „Wir sind noch mit einem blauen Auge davongekommen – nur unsere Bänke im Biergarten nahm die Jagst mit.“

Inmitten der Katastrophe sah Florian Dollmann, Kämmerer auf dem Rathaus in Langenburg, nur einen Lichtblick für die Stadt: „Wenigstens sind die Brunnen unserer Wasserversorgung im Jagsttal nicht betroffen.“ Dafür dürfte der Schaden im Langenburger Freibad enorm sein: Die Wassermassen fluteten dort nicht nur die Becken mit einer braunen Brühe, sondern auch den Technikraum. „Schwer zu sagen, wann wir das Freibad wieder öffnen können“, sagt Betriebsleiter Arnd Bezold.

Ein Bild der Verwüstung bot auch die Ortsmitte von Michelbach/Heide. Aus allen Richtungen wälzte sich das Wasser in das Dorf hinein, demolierte etliche Autos, riss mühelos und großflächig Straßen- und Hofbeläge auf und verschlammte etliche Häuser. Kerstin Gronbach kam sich wie in einem Aquarium vor: „Vor unserem Fenster stand das Wasser in wenigen Minuten 1,70 Meter hoch – gottseidank hielten die Scheiben.“
Land unter auch im Frankenhardter Ortsteil Oberspeltach. Nach stundenlangem Starkregen sprudelte das Wasser am späten Sonntagabend aus den Gullideckeln der Hauptstraße. Der Lanzenbach trat über die Ufer und flutete die Dorfmitte. Die Martinskirche war von allen Seiten von Wasser umgeben, zahlreiche Keller liefen voll. In einem erst kürzlich bezogenen Neubau schaufelten Bewohner, Freunde und Nachbarn Wasser mit Eimern und Besen aus dem Wohnzimmer.

Knietief standen die Helfer der Frankenhardter Feuerwehr in den Fluten – wie ihre Kameraden in ganz Hohenlohe. Sie hatten schweres Gerät im Einsatz, um den Bachlauf von Ästen und Baumstämmen zu befreien, damit das Wasser schneller abfließen konnte. Die ganze Nacht hindurch hatten Feuerwehrleute Wasser aus verschiedenen Kellern gepumpt. Der Strom wurde im kompletten Ortsteil abgestellt.

Am frühen Montagmorgen sah Oberspeltach wieder fast normal aus – lediglich die Sandsäcke, Schläuche und angeschwemmte Blätter und Äste zeugten vom nächtlichen Hochwasser. Das große Aufräumen konnte auch hier beginnen.
 

Bis zu 180 Liter Regen auf jedem Quadratmeter

Solche Wetter-Daten hatte auch der HT-Meteorologe Andreas Neumaier noch nie auf seinem Computer: „Die Regensumme übertraf jede noch so tollkühne Prognose“, wie der Experte das Unwetter in Hohenlohe kommentiert. Relativ glimpflich kamen noch Rot am See und Schrozberg mit jeweils rund 60 Litern Regen pro Quadratmeter davon. Heftiger öffneten sich die Himmelsschleusen über Crailsheim (92 Liter) und Kirchberg (94 Liter).

Geradezu „unglaubliche Regensummen“ verzeichnete Andreas Neumaier schließlich in einem Korridor, der sich zwischen Gerabronn und Ilshofen bis nach Künzelsau erstreckte und rings um Braunsbach mit einem absoluten Rekordwert von bis zu 180 Litern aufwartete. Normalerweise fallen im gesamten Monat Mai nur 70 bis 80 Liter Regen.


HAZ