Dass Benjamin Denzer zum Fechten gekommen ist, war eigentlich logisch. Er ist nämlich aufgewachsen und wohnt immer noch in Tauberbischofsheim, einer absoluten Fecht-Hochburg. „Fechten gehört hier einfach dazu. Alle meine Freunde sind zum Fechten gegangen“, erinnert sich der 39-Jährige. Der Fecht-Club Tauberbischofsheim ist – gemessen an den Medaillenerfolgen bei internationalen Sportveranstaltungen – der erfolgreichste Fechtclub der Welt.

Angefangen hat Denzer in der Kindergruppe, mit zehn durfte er erstmals „richtig“ fechten. „Das ist schon beeindruckend, wenn dir Weltmeister und Olympiasieger beim Training über den Weg laufen“, erinnert er sich. In seiner Trainingsgruppe waren unter anderem Fechtgrößen mit Dominik Behr, der später unter anderem mehrfacher Vize-Weltmeister mit der Mannschaft wurde, und Andre Weßels (Bronze 2012 bei Olympia mit der Mannschaft). Denzer war zwar nicht ganz so erfolgreich, aber zumindest auf nationaler Ebene bei den Junioren im vorderen Bereich zu finden.

Den ersten nationalen Schiedsrichterschein machte er bereits mit 15 Jahren. Im Training war er zuvor bei ein paar Wettkämpfen im Einsatz, „und so bin ich da reingerutscht“. Als 16-Jähriger durfte er dann schon alle Altersklassen jurieren. Nach der A-Jugend hat er mit dem Fechten aufgehört, um sich voll auf das Schiedsrichtersein zu konzentrieren. So hat er mit 19 Jahren bereits die erste internationale Lizenz im Florett erworben, Degen und Säbel kamen später hinzu. Ein großer Vorteil für ihn war, dass er direkt einen Olympiastützpunkt vor der Haustür hat und dort viel Praxis auf höchster Ebene sammeln konnte. Bereits mit 23 Jahren war er damit einer der wenigen internationalen Obleute, die über alle drei internationalen Lizenzen verfügen.

Für Nachwuchs zuständig

Als offizieller Kampfrichter der FIE machte er sich schnell einen Namen. Erste Highlights waren die Jugend-WM in Österreich und die Olympischen Jugendspiele in China. Seit knapp sechs Jahren ist Denzer zudem Mitglied der Kampfrichter-Kommission beim DSB und zudem international für Ausbildung und Förderung der Nachwuchsschiris zuständig.

Drei Highlights stehen für Denzer als Kampfrichter demnächst an: Anfang April die Junioren- und Kadetten-WM in Salt Lake City, dann die deutschen Meisterschaften der Aktiven in seiner Heimatstadt Tauberbischofsheim und schließlich Mitte Mai ein Grand Prix in Shanghai. Ein Traum wäre sicherlich Olympia im Sommer in Tokio. „Bisher stehe ich noch nicht auf der Liste, aber im Pool für Olympia bin ich drin.“ Auch ein Einsatz als Funktionär sei möglich.

Basis für einen internationalen Schiedsrichter beim Fechtsport ist die aktuelle Regelkunde. Dazu braucht man ein gutes Auge und auch ein gewisses Talent sollte man mitbringen. Von Vorteil sei es zudem, dass er selbst früher Jugendleistungssportler war. „Allerdings muss nicht jeder gute Fechter automatisch auch ein guter Schiri sein“, betont Denzer.

Fechtsprache ist Französisch

„Das Wichtigste als Schiri ist, dass immer die Fechter im Mittelpunkt stehen und man möglichst unauffällig juriert.“ Ein großer Druck lastet auf einem Schiedsrichter, auch wenn man in der Öffentlichkeit eigentlich nur am Rande wahrgenommen wird. Das Level, auf dem Benjamin Denzer juriert, ist vergleichbar mit der Champions League im Fußball. „Auch die Schiedsrichter werden beurteilt. Aufgrund dieser Bewertungen werden sie dann aufgestellt.“ Die Fechtsprache ist übrigens Französisch. „Fechter sollten sich ritterlich verhalten, aber wenn es wirklich um etwas geht, dann kochen die Emotionen schon mal hoch.“

Wichtig sei es für ihn als Schiri, dass man sich von diesen Emotionen, die manchmal auch durch die Zuschauer hineingetragen werden, nicht anstecken lasse. „Es wird immer Fehlentscheidungen geben“, betont Denzer. Man müsse mutig sein und bei gefällten Entscheidungen standhaft bleiben. Zudem darf man auf keinen Fall Ehrfurcht vor großen Namen zeigen. „Fechten ist ein Spiel von Angriff und Verteidigung. Man muss als Schiri in kürzester Zeit entscheiden, ob es ein Angriff oder eine Verteidigung war.“ Nur der aktivere Fechter mit dem Angriffsrecht hat bei Florett und Säbel nämlich auch das Trefferrecht auf einer eingeschränkten Trefferfläche.

Eine große Hilfe bei den schnellen Aktionen im Fechtsport war die Einführung des Videobeweises. Zudem hat er im Laufe der Jahre festgestellt, dass er mit seiner großen Erfahrung immer sicherer wird bei seinen Entscheidungen. Bei internationalen Wettkämpfen agiert Denzer als Hauptschiedsrichter. Dazu gibt es einen Videoschiri und zwei Seitenrichter, die überwachen, dass die Fechter auf der Laufbahn bleiben.

Fechten wie Bewegungsschach

Denzer hat nur noch wenig Zeit, um selbst die Maske aufzusetzen. Eine Zeit lang war er nebenbei noch Jugendtrainer und leitete Fechtkurse an der Uni. Inzwischen fechtet er nur noch selten. Fechten beschreibt Denzer als Mischung aus Bewegungsschach und Boxen: „Es ist ein Zweikampf, man muss den richtigen Abstand zum Gegner finden; Ziel ist es, zu treffen, ohne selbst getroffen zu werden, man muss Züge des Gegners vorausdenken.“ Dass Fechten nur eine Randsportart ist, habe zumindest für ihn auch Vorteile. „So kommt man viel schneller mit den Top­sportlern zusammen, der Kontakt ist enger.“ Allerdings achtet Denzer als Schiri darauf, dass eine gewisse Distanz erhalten bleibt, um die Neutralität zu wahren. Innerhalb der kleinen Gruppe der Fechtschiedsrichter gibt es kein Konkurrenzdenken, „wir haben ein gutes Miteinander“. In Südafrika, Südkorea und Usbekistan war Denzer beispielsweise schon. „Man lernt auch Menschen außerhalb des Sports kennen. Inzwischen habe ich Freundschaften auf der ganzen Welt.“

Nur Reisen werden bezahlt

Denzer ist Leiter des Büros vom FDP-Landtagsabgeordneten Stephen Brauer in Crailsheim. „Ich kann aus meiner Schiri-Tätigkeit auch viel für mein Berufsleben mitnehmen.“ Bei seinem Hobby ist alles ehrenamtlich, nur die Reisen werden bezahlt. In der Haupt-Fechtsaison zwischen September und Mai ist er beinahe jedes Wochenende gefordert.

Dies alles macht sein Arbeitgeber möglich, der ihm auch mal für kurzfristige Einsätze freigibt, „und dafür bin ich sehr dankbar. Nur so habe ich die Möglichkeit, meine Passion nebenher auszuüben.“ Meistens reist Denzer alleine zu den Wettkämpfen, manchmal auch mit Schiri-Kollegen. „Wenn ich in Städten bin, die mich interessieren, versuche ich, früher anzureisen, und bin dann mit den örtlichen Kampfrichtern zusammen dort unterwegs.“ Wie viele Jahre er noch Kampfrichter sein wird, lässt er offen. „Bis zum 60. Geburtstag mache ich das sicherlich nicht. Ich könnte mir allerdings vorstellen, später einen Posten im Verbandswesen zu übernehmen.“