Niederstetten Jubilar beschenkt das Publikum

Mit der Lesung von Gunnar Kunz (rechts, sitzend) aus dem vierten, in der Weimarer Republik spielenden, historischen Kriminalroman "Zeppelin 126" ist das 20-jährige Bestehen des "Kult" in Niederstetten gefeiert worden. "Kulturmacher" Norbert Bach (stehend) führte ins Thema ein.
Mit der Lesung von Gunnar Kunz (rechts, sitzend) aus dem vierten, in der Weimarer Republik spielenden, historischen Kriminalroman "Zeppelin 126" ist das 20-jährige Bestehen des "Kult" in Niederstetten gefeiert worden. "Kulturmacher" Norbert Bach (stehend) führte ins Thema ein. © Foto: Inge Braune
Niederstetten / INGE BRAUNE 19.11.2014
20 Jahre "Kult": Das musste gefeiert werden. Der Name steht für "Kultur- und Literatur-Treff". Zum Jubiläum gab es natürlich ein buntes Kulturprogramm einmal längs durch das ganze Wochenende.

Im "Kult", das zugleich Heimstätte für Mediothek und Bühne, Musikschulunterricht und Zeppelinmuseum ist, darf die Luftfahrerei nicht fehlen. Besser als mit der Lesung von Gunnar Kunz aus seinem vierten, in der Weimarer Republik spielenden, historischen Kriminalroman "Zeppelin 126" wäre das Kult-Objekt nun wirklich kaum zu feiern gewesen.

Kunz, von Haus aus keineswegs Historiker, ist eigentlich Theatermensch. Als Regieassistent, Inspizient, Dramaturg und Regisseur war der gebürtige Niedersachse anderthalb Jahrzehnte in Braunschweig, Hamburg, Berlin und Schwedt an der Oder beschäftigt, ehe er vor gut anderthalb Jahrzehnten als Mittdreißiger beschloss, sich endlich den Jugendtraum zu erfüllen und freier Schriftsteller zu werden.

Theaterstücke, Hörspiele, Romane, ein Reisebuch über die zeitweise Zweitheimat Schottland stammen aus seiner Feder. Mit an Akribie grenzender Genauigkeit hat er für "Zeppelin 126" nicht nur die Risszeichnungen des Chefkonstrukteurs, Logbücher und Berichte von Mannschaftsmitgliedern gründlich studiert, sondern neben der technischen auch die politische, gesellschaftliche und soziale Entwicklung in der Weimarer Republik regelrecht detailversessen recherchiert.

Herausgekommen ist ein ungeheuer fesselnder, geistreich-humorvoller Kriminalroman, der die 30 agierenden Fahrgäste und Mannschaftsmitglieder ebenso präzise porträtiert wie das später als "Los Angeles" unter amerikanischer Flagge fahrende Luftschiff LZ 126, das sich in Kunz' Roman auf von ihm hinzuerfundener höchst spannungsreicher Testfahrt befindet.

Entspannende Abendunterhaltung entführte danach ins Reich der Musik. Genießerisch wippten manche an den Tischen mit zu den Klängen der um den aus Weikersheim stammenden Kontrabassisten Dirk Schade kristallisierten Kombo "Café de la Mer". Gekonnt versprühte Gerd Semle am Akkordeon Bandoneonstimmung, umtänzelten Werner Küsperts Gitarrensaiten die Kontrabass-Basis und den hellen Gesang der argentinischen Sopransängerin Clementina Culzoni.

Zum kulturellen Aspekt von Heimat gehört in Niederstetten unverzichtbar das zunächst umstrittene moderne Bauwerk, für das der Name "Kult" gefunden wurde. Dass es wurde, was es ist, ein echter Treffpunkt für Kulturfreunde aus dem Umkreis, ist Kulturamtsleiter Norbert Bach zu verdanken, wie Niederstettens Bürgermeister Rüdiger Zibold ebenso hervorhob wie das Team von Mediothek, Tempele-Theater und alter Schule.

Den Samstag eröffnete David Winkenstern mit einer mitreißenden Rezitation aus Heines Wintermärchen. 1994 hatte er gemeinsam mit Viktoria Gräfenstein das Eröffnungsprogramm bestritten.

Das Duo, eigentlicher Nukleus des Russlanddeutschen Theaters, konnte beim Jubiläum schlechterdings nicht fehlen. Einfach köstlich Maria Warkentins "russedeitsche Oma" Wesmale Muth, die beim Warten vorm "russedeitsche Loode" noch "luure" muss und dabei selbstbewusst aus dem Erfahrungsschatz plaudert. Die Absurditäten des Stempels "Russlanddeutsch" nahm Peter Warkentin ebenso köstlich aufs Korn: Aus Marketing-Gründen kann aus den Wanderern zwischen Deutschland, Russland, Deutschland schon mal ein schamanistisch geprägter Nomadenstamm werden. . . Nicht wegzudenken aus dem Niederstettener Kulturfeld sind auch die Hohenloher Musik- und Kleinkunsttage. Ein ganz spezielles Glanzlicht setzte übrigens die eigens aus Reims angereiste "Weltmeisterin der singenden Säge", Gladys Hulot.

Der Sonntag gehörte dann nochmals mit Gunter Haug und einer Lesung aus "Die Töchter des Herrn Widerkehr" und Lothar Lempps Puppenspiel "Schlimmes Ende" nach dem skurrilen Buch von Philip Ardaugh der Literatur - und natürlich, wie es sich für eine rechte Geburtstagsfeier gehört, Begegnungen und Gesprächen bei Kaffee und Kuchen. Eine runde Sache war diese facettenreiche dreitägige Jubiläumsfeier.

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