Jahrestag Johann Friedrich Hessing: ein echter Tausendsassa

Johann Friedrich Hessing.
Johann Friedrich Hessing. © Foto: epd/Archiv
Rothenburg / epd 11.04.2018

Er war Schreiner und Orgelbauer – seine Leidenschaft galt aber der Orthopädie: Der Laienmediziner Johann Friedrich Hessing entwickelte bis heute verwendete orthopädische Geräte und baute nebenbei auch noch das Rothenburger Wildbad. Am 16. März vor 100 Jahren starb er.

Johann Friedrich Hessing (1838 bis 1918) war ein echter Tausendsassa. Der gelernte Schreiner und Orgelbauer aus Schönbronn unweit von Rothenburg ob der Tauber war ein Tüftler und gilt als Erfinder der Prothese. Damit nicht genug: In Göggingen bei Augsburg eröffnete Hessing eine Heilanstalt, die in kurzer Zeit enormen Zulauf erfuhr. Es folgten weitere Sanatorien, darunter auch das Wildbad Rothenburg, das Hessing in seiner bis heute nahezu unveränderten Form Ende des 19. Jahrhunderts bauen ließ.Hessing wurde als 13. Kind geboren. Sein Vater war Hafner, die Mutter Hebamme, zusammen betrieben sie eine kleine Landwirtschaft. Hessing hätte es mit seiner Begabung zwar auf die Oberschule geschafft, der Familie fehlte aber das Geld. Er ging zur Volksschule und begann in Schillingsfürst eine Gärtnerlehre. Die brach er ab, ebenso eine erste Schreinerlehre, sagt Pfarrer Herbert Dersch, langjähriger Wildbad-Leiter. Denn Hessing war nach eigenem Ermessen „besser als der Meister“. Eine zweite Schreinerlehre beendete er.

Doch mit der Schreinerei allein wollte er sich nicht begnügen. Auf der Wanderschaft kam er in Kontakt mit der Orgelbaufirma Steinmeyer. Der Schreiner lernte noch das Orgelbauhandwerk und erhielt 1866 die Lizenz zum Orgelbauer. Hessings eigentliche Leidenschaft war aber seit jeher die Orthopädie. Einem Müllergesellen, der sein Bein verloren hatte, hatte Hessing bereits als Schreiner eine Holzprothese gebaut.

1868, also mit 30, hatte Hessing das erreicht, was er von klein auf gewollt hatte: In Augsburg eröffnete er eine Heilanstalt und machte die Orthopädie zum Beruf. Ein Jahr später verlagerte er sie nach Göggingen bei Augsburg. Dort ersann der Autodidakt orthopädische Geräte, die auch noch heute in veränderter Form eingesetzt werden, das „Hessingkorsett“ etwa, mit dem man Wirbelsäulenverkrümmungen behandeln kann. Zudem entwickelte er für an Kinderlähmung Erkrankte seinen „Schienenhülsenapparat“.

Als „Wunderdoktor“ bekannt

Hessing wurde mit seiner Heilanstalt bald als „Wunderdoktor“ bekannt und behandelte an die 60 000 Menschen. Den Schulmedizinern war der Erfolg des Laienorthopäden Hessing natürlich äußerst suspekt und ein Dorn im Auge. Trotz heftiger Angriffe seitens der Schulmedizin setzte er sich auf dem Berliner Chirurgenkongress 1874 mit seinen neuartigen orthopädischen Behandlungsmethoden durch. 

In den Folgejahren trat Johann Friedrich Hessing auch als Pächter der Badebetriebe in Bad Kissingen und Bad Bocklet auf, ehe er Ende des 19. Jahrhunderts nach Rothenburg zurückkam. Dort baute er an den einst städtischen Badeanlagen in neun Jahren das heutige Gebäude. 1903 wurde das prachtvolle Wildbad eröffnet. Dem „Kurhotel ersten Ranges“ war aber nur ein kurzer Erfolg gegönnt; 1917 verkaufte er es an die „Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger“, 1925 wurde es versteigert.