Theater Jeder muss seinen Grundton finden

Begeistert gefeiert: Solistin Sina Schulz als Gabriella (Mitte) und rechts davon Sven Hussock als Dirigent Daniel Daréus.
Begeistert gefeiert: Solistin Sina Schulz als Gabriella (Mitte) und rechts davon Sven Hussock als Dirigent Daniel Daréus. © Foto: Ralf Snurawa
Feuchtwangen / Ralf Snurawa 23.06.2018

Ein Minimum an Ablenkung bietet das Bühnenbild von Werner Brenner bei „Wie im Himmel“. Tafelgrün mit Kreideweiß ist farblich bestimmend. Eine etwas ungewöhnlich geformte Tafel bildet im Wesentlichen das Bühnenbild. Hinzu kommen ein paar farblich abgestimmte Stühle, ein Tisch und Podeste – das ist es.

Der Kreuzgang selbst rückt in Achim Conrads Inszenierung in den Mittelpunkt: Weniger, weil seit 70 Jahren hier gespielt wird, sondern eher, weil es um einen Kirchenchor geht. Und die Bezeichnung Mittelpunkt ist auch so gemeint. Denn Conrad lässt sowohl davor spielen, als auch darauf. Ungewöhnlicher jedoch ist, dass er längere Abschnitte auch dahinter spielen lässt.

Das Leben des Dirigenten Daniel Daréus ist aus den Fugen. Er ist auf der Suche nach Ausdruck von Liebe in der Musik. Er will mit seiner Tätigkeit Anrühren, die Herzen der Menschen erreichen. Aber es gelingt ihm nicht. Ein Herzinfarkt ist da fast schon die logische Konsequenz – mit Seitenblick auf den Unsinn des Konzertbetriebs: Umtriebig, aber zumeist nur bedeutungslose Gastspiele, selten das Erlebnis von etwas Besonderem. Das Finanzielle, das Event steht vor allem für die Menschen um die Künstler, in Feuchtwangen durch den euphorisierten Agenten des Dirigenten (Gregor le Dahl) ausgedrückt, im Mittelpunkt.

Daréus zieht sich an den Ort seiner Kindheit zurück, Ljusåker in Schweden. Er sucht dort Ruhe, denkt man, will scheinbar nur zuhören. Aber eigentlich will er ergründen, wie er seine Sehnsucht stillen kann. Dabei hilft ihm der dortige Kirchenchor, den er zunächst nur widerwillig leitet und erst mal seinen Grundton finden lässt. Seinen Mitgliedern geht es nicht anders als Daréus selbst. So werden sie, das ist die Stärke von Conrads ganz aufs Spiel konzentrierter Inszenierung, zu einer Schicksalsgemeinschaft von Suchenden, die ihre Mitglieder auch nach außen verteidigt.

Dazu gehört besonders die von Sina Schulz gespielte Gabriella, für die Daréus später ein Chorstück mit Solopart schreibt. Sie ist ständig der Gewalt ihres, von Pascal Pawlowski mit großer Wut gespielten, Ehemanns Conny ausgesetzt. Der schlägt sie, möchte nicht, dass sie im Chor singt – vor allem aus Angst, sie könnte da das finden, was er ihr nicht bieten kann: Liebe und Geborgenheit. Und da ist Inger, die Ehefrau des Pfarrers, die Gabriele Fischer geradezu aufleben, aber auch um ihre Ehe trauern lässt. Denn Pfarrer Stig Berggren, den Thomas Zieler schließlich blindlings gegen Daréus bis hin zum Versuch des Erschießens wüten lässt, ist unfähig zur Liebe. Er sieht überall nur Sünde.

Es gibt aber auch Spannungen im Kirchenchor. Da fühlt sich Holmfrid von Arne, sonst von Ulrich Westermann als ruheloser Macher vorgestellt, ob seines Körpers ständig gehänselt. Lennart Matthiesen lässt Holmfrid wundervoll dagegen aufstehen. Und da wird die von Rebekka Michalek als braves Mauerblümchen dargebotene Siv eifersüchtig auf Lena und verlässt den Chor.

Denn Lena und Daréus verlieben sich ineinander. Es ist eine sehr vorsichtige Annäherung, die Lisa Ahorn und Sven Hussock anrührend ausspielen. Sie endet mit Daréus‘ Bekenntnis: „Lena, ich kann es jetzt sagen: Ich liebe dich.“ Denn damit hat er gefunden, was auch er gesucht hatte. Ganz am Rande haben es auch andere Chormitglieder gefunden: das alte Paar Florence (Doris Otto) und Erik (Wolfgang Beigel), der schon seit der Schulzeit in sie verliebt war.

Eine weitere Rolle darf nicht unerwähnt bleiben: die des geistig zurückgebliebenen Tore. Konstantin Krisch spielt ihn so fantastisch überzeugend – und bringt sich, wie alle Darsteller der Chormitglieder, ebenso als hervorragender Sänger mit ein. Zusammen mit Chorsängern aus der Region singen sie am Ende Gabriellas Lied, zu dem der große Dirigent dann tatsächlich zuhören kann. Belohnt wurden die Mitwirkenden bei der Premiere mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall.

Info Die nächste Aufführung von „Wie im Himmel“ ist heute um 20.30 Uhr. Weitere Informationen finden sich unter www.kreuzgangspiele.de. Karten gibt es auch im HT-Shop in der Ludwigstraße, Telefon 0 79 51 / 40 90.

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