800 Schüler drängen sich vor der Bühne. Dann gehts los. Jan Delay springt auf das Podium und seine famose Funk-Band Disko Nr. 1 lässt mit sattem Sound die Kultura beben. Erste Überraschung des Abends: Der sonst so adrett gekleidete Delay, meist in Anzug mit Hut und Krawatte zu sehen, kehrt rein optisch zu seinen Rapwurzeln zurück - Shorts, Baseball-Käppi, Sneakers und alberne bis stylische Kniestrümpfe (je nach Sichtweise).

Doch das passt auch sehr gut zu diesem lockeren, fast schon intimen Rahmen. Delay rockte in den letzten Jahren den "Ring", gab riesige Konzerte und tourte durch Deutschlands ganz große Hallen. Hier in der Kultura schrumpft der Megastar plötzlich auf Normalmaß. Das macht offensichtlich den Musikern und dem Sänger ebenso viel Spaß wie den 800 Schülern.

Es dauert zwar drei, vier Songs, bis die Öhringer auftauen, aber dann geht es richtig ab. Delay zeigt sich als Entertainer vom Feinsten. Wie ein Derwisch fegt, hüpft, tanzt er über die Bühne, animiert das Publikum und singt seine bekanntesten Songs.

Vor allem live ist es unüberhörbar, was für eine grandiose Funkband Delay um sich geschart hat. Bläser, Gitarren, Drums, Bass, Keyboard und die drei famosen Backgroundsängerinnen schaffen einen Sound, wie man ihn viel zu selten auf deutschen Bühnen erlebt. Dazu die frechen und gesellschaftskritischen Texte Delays, die so gar nicht zu der Partymucke passen wollen und vielleicht gerade deshalb hängen bleiben.

Erstaunlich auch, dass sich Delay mit keiner Silbe zu seinem Eklat mit Heino äußert. Lediglich das Lied "Fick", in dem es sehr explizit darum geht, dass er sich nicht um anderer Leute Meinung schert, könnte man in diesen Kontext einbeziehen. Man könnte es aber auch einfach als weiteren Partykracher interpretieren und dazu wild tanzen. Öhringen entscheidet sich für Variante zwei.

So funky und lässig kann deutsche Musik sein

Wie kaum ein Zweiter schafft es Delay, Funk mit der deutschen Sprache zu vereinen. Klingen Xavier Naidoo oder Herbert Grönemeyer manchmal ein bisschen gestelzt oder geschwollen, so haut Delay seine Wortspiele, Reime und Refrains so locker flockig raus, dass man meinen könnte, es wäre das Natürlichste der Welt. Ebenfalls einzigartig ist Delays Fähigkeit, bekannte Hits neu zu vertexten und sei es mit Worten aus anderen Songs. Wenn er sich "Türlich, türlich" von Das Bo vornimmt und es auf Cameos "Word Up" legt, dann kocht der Saal.

Doch vor allem seine Eigenkompositionen sind es, die zünden. Bei "Oh Johnny" erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Der ganze Saal singt, tanzt und klatscht ausgelassen. Als Zugabe gibt es dann noch "Klar" und die aktuelle Hitsingle "St. Pauli".

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass selbst große Stars ohne Effekte auskommen können. Gerade das macht dieses Konzert so einzigartig. Delay und seine Disko Nr. 1 zeigen, dass sie eine unglaubliche Spielfreude und Qualität besitzen. Wer das beherrscht, kommt vor 800 Leuten genauso gut an wie vor 80.000.