Interview INTERVIEW: "Hebammen können sich ihren Beruf nicht mehr leisten"

Jutta Eichenauer sieht den Beruf der Hebamme gefährdet.
Jutta Eichenauer sieht den Beruf der Hebamme gefährdet. © Foto: Edgar Layher
Backnang / CHRISTINE HOFMANN 21.06.2013
Jutta Eichenauer, Landesvorsitzende des Landes-Hebammenverbands, fordert eine angemessene Bezahlung der Hebammenleistung und eine Reduzierung der Versicherungsprämien auf ein angemessenes Niveau.

REDAKTION: Bei der Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen gab es vor drei Jahren eine massive Kostensteigerung. Wie ist es dazu gekommen?

JUTTA EICHENAUER: Es ist nicht so, dass die Zahl der Haftpflichtschäden zugenommen hat, aber die Fälle selber haben heute eine viel längere Lebensprognose. Die Kosten dafür wollen die Kassen gedeckt sehen. Die Summen sind immens, die in solchen Situationen anfallen. So muss der Verdienstausfall der pflegenden Mutter oder auch der Verdienstausfall des betroffenen Menschen selber ausgeglichen werden. Der Umbau von Wohnungen, Häusern, Autos oder Spezialanfertigungen verschlingen Unsummen. So kommt eins zum anderen, und die Haftpflichtversicherer versuchen durch Beitragssteigerungen diese Punkte irgendwie auszugleichen. Wir leben heute in einer weit klagefreudigeren Gesellschaft als noch vor 15 Jahren. Schicksalsschläge werden nicht so ohne Weiteres als solche angenommen.

Was bedeutet die höhere Prämie für die Arbeit der Hebammen?

EICHENAUER: Sie können sich diesen teuren Beruf schlicht nicht mehr leisten, steigen aus der Hausgeburtshilfe aus – wenn wir Pech haben sogar komplett aus dem Hebammenberuf. Wir haben flächendeckend einen eklatanten Hebammen-Mangel, die Verweildauer im Beruf beträgt durchschnittlich nur noch vier Jahre. Es mögen zwar auf dem Papier viele Hebammen auf der Liste stehen, aber zum größten Teil haben die ihr Angebot dermaßen zurückgeschraubt, dass sie zu den 450-Euro-Verdienerinnen gehören, weil neben der Haftpflichtversicherung auch die ganzen anderen Nebenkosten hoch sind. Das hat zur Folge, dass eine Schwangere fast keine freie Wahlmöglichkeit hinsichtlich ihres Geburtsorts hat, der ihr aber von Rechts wegen eigentlich zusteht.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hat verschiedene Lösungsvorschläge. Wie sehen sie aus?

EICHENAUER: Sinnvoll wäre eine Verkürzung der Haftungszeit, die momentan bei 30 Jahren liegt – oder eine gesetzliche Deckelung der Schadensobergrenze. Wir schlagen die Einführung eines steuerfinanzierten Fonds vor, der im Schadensfall einspringt. Es muss für Hebammen möglich sein, dass sie die Versicherungsprämie ohne Einkommensverlust bezahlen können. Der Hebammenverband kämpft außerdem um eine Anhebung der Gebührensätze für bislang schlecht bezahlte Hebammenleistungen. Das alles ist jedoch nur sehr schwer umzusetzen.

Die Krankenkassen sind den Hebammen bislang ja nicht gerade entgegengekommen. Ist denn mittlerweile eine Lösung in Sicht?

EICHENAUER: Zurzeit wird noch heftig diskutiert. Die Politik ist neben den Krankenkassen auch daran beteiligt. Es gibt einen interministeriellen „Runden Tisch“, der arbeitet daran.

Je länger die Phase der Diskussionen dauert, desto mehr Hebammen ziehen sich womöglich aus der Geburtshilfe zurück. Wie soll es nun weitergehen?

EICHENAUER: Fakt ist: Die Politik muss sich bald etwas einfallen lassen, denn es ist verbrieftes Recht, dass jeder Frau in der Schwangerschaft, während der Geburt, im Wochenbett und in der Stillzeit eine Hebamme zusteht. Eine Frau kann frei entscheiden, wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchte. Das funktioniert aber nur, wenn es genügend Hebammen gibt, die ihre Dienste anbieten. Die Hebammenarbeit ist eine wertvolle Arbeit. Im Zeitalter der fehlenden Leitbilder in der Familie, der Informationsflut, die es zu sortieren gilt und unserer perfektionistischen Gesellschaft arbeiten wir derzeit ohne Punkt und Komma und bekommen die Arbeit gar nicht geleistet. Wir müssen Frauen ablehnen. Aus den frühen Hilfen heraus melden die Kommunen, Gemeinden und Städte einen hohen Bedarf nach Familienhebammen an. Jede Familienhebamme ist aber auch Hebamme, und wenn es keine Hebammen gibt, dann auch keine Familienhebammen. Es gilt auf jeden Fall, den Beruf hinsichtlich Verdienst und Arbeitsbedingungen attraktiver zu gestalten, damit wir uns den Nachwuchs erhalten können.
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