Schwäbisch Hall / JULIA VOGELMANN  Uhr

Warum brauchen Kinder Kuscheltiere?

GUNTER KÖNIG: Kinder bekommen Kuscheltiere geschenkt, zum Beispiel zur Geburt, die Eltern legen das Tier dann zum Kind. Da ist es natürlich, dass das Kind sich irgendwann damit beschäftigt, weil es so angenehm kuschelig und weich ist. Das wiederholt sich, eine Gewohnheit entsteht und mit der Zeit eine Beziehung zum Kuscheltier.

In welcher Entwicklungsphase ist ein kuscheliger Freund besonders wichtig?

KÖNIG: Ich denke, das ist in einem Alter, in dem die Kinder wahrnehmen, dass sie eine eigene Person sind, so im Alter von anderthalb bis drei Jahren. Das Kuscheltier ist in dieser Phase ein Übergangsobjekt, um es wissenschaftlich auszudrücken. Es unterstützt das Kind dabei, sich als getrennt von seiner Mutter zu erleben.

Welche Funktionen übernimmt ein Kuscheltier für das Kind?

KÖNIG: Das können unzählige sein. Trostspender, Vertrauter, Geheimnisträger, Einschlafhilfe, Freund oder Sorgenabladeplatz, um einige zu nennen. Das Kuscheltier hat ja für die Kinder einen eigenen Charakter und wird nach und nach mit Eigenschaften ausgezeichnet. So eignet es sich auch für Rollenspiele, die ja der Alltagsbewältigung dienen, oder wird als Stellvertreter benutzt, etwa um Aggressionen abzubauen oder Grenzen auszutesten. Im Großen und Ganzen entwickelt das Kind seine Fantasie und die Sicherheit, die größten Abenteuer nicht allein bestehen zu müssen.

Welche Rolle können Kuscheltiere in der Eltern-Kind-Beziehung spielen?

KÖNIG: Eltern können in den Augen des Kindes launisch sein, sie setzen Grenzen, sind manchmal gestresst oder verärgert, hier kann das Kuscheltier die verlässliche Anlaufstelle für das Kind sein, die nicht widerspricht, nicht schimpft und zuverlässig da ist. Das ist etwas, was Eltern sich zunutze machen können, etwa um am Abend für Ruhe im Kinderzimmer zu sorgen. Kuscheltiere sind eine Gelegenheit für Eltern, in die Welt des Kindes einzusteigen.

Ist die Liebe zum Kuscheltier ein Bereich ohne Geschlechter- oder Altersgrenze?

KÖNIG: Kuscheltiere sind allgegenwärtig. Wo Puppen eher Mädchensache sind, ist das Kuscheltier bei Jungs voll akzeptiert. Man braucht sich nur umzuschauen, an fast jedem Schulranzen oder Rucksack hängt ein kleines Kuscheltier, egal wie alt der Besitzer ist oder welches Geschlecht er hat. Was beim Kind der kuschelige Beschützer ist, ist beim Teenager oder Erwachsenen später eben der Talisman.

Inwieweit können oder sollten Eltern diese Liebe zum Kuscheltier eigentlich unterstützen oder gar fördern?

KÖNIG: Eine intensive Beziehung zum Kuscheltier fördert Einfühlungsvermögen, Sozialisation und auch die Selbstheilung, regt die Fantasie an und bietet viele Möglichkeiten, den Alltag zu bewältigen. Indem Eltern ihren Kindern das zugestehen, ermöglichen sie ihnen, die erste selbst gewählte Beziehung ihres Lebens zu pflegen. Dies sollten Eltern vor allem dann im Auge behalten, wenn es um Schönheit oder um Hygienefragen geht, oder wenn die Suche nach dem kuscheligen Freund sie die letzten Nerven kostet.

Letztendlich regulieren sich diese Dinge mit zunehmendem Alter von selbst, denn auch Kuscheltiere werden wie ihre Besitzer mit dem Alter reifer und vernünftiger.