Der junge Mann stürmt aus dem Haus, besorgt, weil da Fremde an seinem Motorrad stehen und es fotografieren: „Ist was nicht in Ordnung?“ Rainer Prosi sieht ihn, zieht die Stirn in Falten und sagt, man werde das wohl der Polizei melden müssen. Dann lacht er. Späßle. Fotografiert wurde nicht das Bike, sondern die Blumen und Kräuter, die in der bienenfreundlichen Stadt Crailsheim auf den Musterflächen der Hirtenwiesen sogar zwischen den Gittersteinen der Parkplätze wachsen und von Unmengen Insekten umschwärmt werden.

Ein Umdenken beginnt

Prosi kämpft an vielen Fronten fürs Wohl der Wildbienen, generell der Insekten; so lange schon. Dass er den Humor nicht verliert, dass er nicht müde wird, liegt an Kindern und Jugendlichen, die in kürzester Zeit lernen, ein halbes Dutzend Bienen- und Hummelarten zu unterscheiden und wertzuschätzen. Oder an einer Crailsheimer Schule, die ihn anruft, weil sie wissen will, wie sie sich am besten mit all den Bienen arrangiert, die sich plötzlich in einer Ecke des Spielbereichs tummeln: „Früher hätte ich in einem solchen Fall mit Händen und Füßen reden müssen, damit sie die Bienen nicht entfernen.“

Auf den vom Militär aufge­gebenen Flächen sind Insektenparadiese ohne Ende entstanden: Die vielen interessanten Arten auf den neuen Blühstreifen seien nicht einfach plötzlich da, sagt Prosi, es müssten bereits früher Populationen da gewesen sein. Und er weiß auch, warum: Bis zu 5000 Räderteile der Bundeswehr und gepanzerte Fahrzeuge der U.S. Army wurden auf diesen Flächen bewegt, der Boden wurde von ihnen immer wieder aufgerissen. Hört sich furchtbar an, ist aber letztlich ein Segen. In offenen Bodenstellen nisten Insekten, Wildkräuter machen sich breit. „Im Landkreis nisten in Wildbienenhotels 29 Arten, im Boden 178; da gibt’s wesentlich mehr Potenzial.“ Die Umwandlung dieser militärisch genutzten Flächen schreitet freilich stetig voran. Prosis große Sorge: „Wenn die Rohbodenflächen mit Wildkräutern vollends durch Industriebauten ersetzt werden, verlieren wir diese große Artenvielfalt.“

Vorbildhafte Stadtwerke

Wie’s besser geht, zeigen die Stadtwerke, die in diesem Jahr eine über 4000 Quadratmeter große Rasenfläche zu einer insektenfreundlichen Wiese umgebaut haben, komplett mit einem Rohbodenstreifen als Nistfläche. Prosi und sein Freund, der Biologe Volker Mauss, haben mit einem professionellen Monitoring begonnen, um zu sehen, wie viel neues Leben dort zu finden ist, welche Arten sich in welcher Zahl ansiedeln. In genau definierten Flächen und Zeiträumen werden Wildbienen gezählt – zuletzt knapp acht Bienen pro Stunde, Tendenz steigend. Unter den geflügelten Stadtwerke-Gästen findet sich die Zweifarbige Sandbiene, die zweimal im Jahr Nachwuchs hat, oder eine Kuckucksbiene, deren Anwesenheit untrügliches Zeichen für das Vorkommen ihres Wirts ist, der stark gefährdeten Runzelwangigen Schmalbiene. Kein Wunder auch, dass in Crailsheim zunehmend Rote-­Liste-Arten gefunden werden – mittlerweile insgesamt 50.

Bienenschmaus

Mit den richtigen Pflanzen stellt sich der Erfolg unweigerlich ein. Prosi spricht von Schattsaummischungen für Flächen abseits der Sonnenseiten und von zweischürigen, also zweimal gemähten Wiesen. Auch von Besonderheiten wie dem Gewöhnlichen Bitterkraut als „sagenhafter Pollenquelle“ oder von Wildkräutern für Schotterflächen.

Prosi ist mit rund 60 Mitstreitern seit Jahren in ganz Baden-Württemberg unterwegs, um für den Arbeitskreis Wildbienen-Kataster Bienen zu entdecken, zu beobachten, zu beschreiben, zu fotografieren und zu kartieren. Der Crailsheimer hat zudem seine Berufserfahrung genutzt und eine Datenbank mit nunmehr 165.000 Datensätzen programmiert, mit der Wildbienen online erfasst werden. So kann er belegen, dass mit den Wildblumen die Wildbienen verschwinden; immer mehr Arten sind bedroht.

Natürlich unterstützt der 67-Jährige da die Stadt beim Projekt „Stadtbiene“. Und er hofft auf viel mehr schöne Erlebnisse auf den Industrieflächen, an Wegen, in Gärten und auf Schotterflächen. Sogar auf Parkplätzen.

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