Crailsheim Hans Scholl: Ingersheim feiert Sohn des Orts

Kilian Stegmaier, Christian Schmidt und Aurel Stegmaier (von links) haben vergangene Woche Hans Scholl ihre Stimme geliehen. Zum Dank nach der berührenden Veranstaltung bekamen sie von Pfarrerin Birgit Rügner eine weiße Rose.
Kilian Stegmaier, Christian Schmidt und Aurel Stegmaier (von links) haben vergangene Woche Hans Scholl ihre Stimme geliehen. Zum Dank nach der berührenden Veranstaltung bekamen sie von Pfarrerin Birgit Rügner eine weiße Rose. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 13.06.2018
Zum 100. Geburtstag von Hans Scholl lesen drei Jugendliche aus Ingersheim aus Texten des wohl berühmtesten Menschen aus dem Ort.

Kilian Stegmeier ist fast verzweifelt. Satzbau, Wortwahl, Ausdrucksweise in Hans Scholls Briefen: „Das war für mich kein Deutsch“, sagt er beim Proben. „Es ist nicht leicht, das zu lesen.“ Geschweige denn vorzulesen. Doch genau auf dieses Experiment hatte sich der 14-Jährige eingelassen, zusammen mit seinem Bruder Aurel, 16, und mit Christian Schmidt, 20. Die drei jungen Ingersheimer lasen kürzlich Texte eines Ingersheimers, nämlich von Hans Scholl. Ort des Geschehens: die Matthäus-Kirche.

Natürlich wachsen Ingersheimer Jugendliche mit Hans Scholl auf. Sie wissen bestimmt mehr über ihn als viele andere junge Leute. Schließlich gehen sie in die Geschwister-Scholl-Schule. Sie kennen das Haus am Schollenberg, in dem der Widerstandskämpfer im September vor 100 Jahren geboren wurde. Ihre erste Geschichtsstunde bekommen sie vor dem großen Scholl-Gemälde von Gerhard Frank im Foyer ihrer Schule, in der es auch ein Scholl-Grimminger-Gedächtniszimmer gibt. Und doch haben die drei jungen Ingersheimer Hans Scholl noch einmal ganz neu kennengelernt, sagen sie. „Mich hat am meisten beeindruckt, dass er innerlich unbeschadet aus dem Russland-Feldzug zurückgekommen ist und gleich wieder die Arbeit für die Weiße Rose aufgenommen hat. Dadurch hat er den Menschen Hoffnung gegeben“, sagt Aurel Stegmaier.

Klar zu erkennen ist in den Schriften auch die Entwicklung Scholls. Er entwickelt sich von einem, der seinen Standpunkt im Leben erst noch sucht hin zu einem, der Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen will. Diese Verantwortung ist bei ihm immer auch im Glauben begründet. „Ich hörte den Namen des Herrn und habe das Licht gefunden“, schreibt Scholl im Brief an den katholischen Theologen Carl Muth. An Rose Nägele: „Ich habe das Beten wieder gelernt.“

Bei der Auswahl der Texte – Briefe, Tagebucheinträge, Schriften – wurde Wert auf Scholls innere Entwicklung gelegt und nicht so sehr auf die biografische, betont Religionspädagogin Ale­xandra Wörn, Kennerin der Texte. „Nicht zuletzt ist Scholl der Grund dafür, dass ich Theologie studiert habe.“ Sie habe seine Texte als Jugendliche gelesen. „Ich fand sie so interessant, dass ich mehr darüber wissen wollte.“

In Ingersheim zeigte sich ein anderer, oft wenig wahrgenommener Aspekt in Scholls Leben. „Hans Scholl war gläubig und hat den Widerstand auch mit seinem Glauben begründet“, sagt die Ingersheimer Pfarrerin Birgit Rügner, die die Auseinandersetzung mit Scholl als Christen anregte.

Die Originaltexte von Hans Scholl, denen die drei jugendlichen Ingersheimer ihre Stimme liehen, wurden in ihrer Wirkung verstärkt durch Lieder, die Dorothea und Thomas Frank mit Gitarre, Kontrabass und Gesang vortrugen. Das Lied „Von guten Mächten“, von Bonhoeffer in Nazi-Haft geschrieben, sangen sie, als in den Texten klar wurde, dass Scholl die eigene Verhaftung für möglich hielt. Ganz am Schluss kam dann das Lied, das alle mitsangen und das auch Scholl sicher kannte: „Die Gedanken sind frei.“

Christian Schmidt, der die Texte des älteren Scholl las: „Für mich ist er ein Held, weil er den Weg geschafft hat. Nicht nur den Weg weg von den Nazis. Sondern den Weg hin zum Widerstand.“

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