Solidargemeinschaft Solidargemeinschaft: In die Beziehungen gehen

David und Paul sind eben vom Mittagsschlaf aufgewacht. Währenddessen treffen sich (von links): Agnes Schuster, Rainer Kaltenecker, Lena Hunger, Sebastian Gerbert, Maria Keil und Marieluise Stiefel zu einem gemütlichen Kaffeetrinken im Schloss-Café auf dem Tempelhof.
David und Paul sind eben vom Mittagsschlaf aufgewacht. Währenddessen treffen sich (von links): Agnes Schuster, Rainer Kaltenecker, Lena Hunger, Sebastian Gerbert, Maria Keil und Marieluise Stiefel zu einem gemütlichen Kaffeetrinken im Schloss-Café auf dem Tempelhof. © Foto: Ute Schäfer
Von Ute Schäfer 09.10.2017
Auf dem Tempelhof wohnen 150 Menschen aller Altersstufen in einer Lebensgemeinschaft. Sie helfen sich gegenseitig – und werden gemeinsam älter.

Wie wollen Sie denn alt werden?“, fragt Agnes Schuster (63), Gründungsmitglied der Gemeinschaft Tempelhof (Gemeinde Kreßberg). „Auf einem Bänkchen mit vielen Kindern, die drumherum spielen? Oder auf einem Bänkchen im Altersheim, in dem es nur Tristesse gibt?“Die Antwort liegt auf der Hand: Sie spricht ganz grundsätzlich für Mehr-Generationen-Projekte. Ein solches ist der Tempelhof. Hier leben mittlerweile 150 Menschen aller Altersstufen. Doch wer glaubt, dass die Gemeinschaft dem „landläufigen“ Mehr-Generationen-Wohnen ähnelt, der irrt. „Denn da besitzt die Begegnung die zentrale Bedeutung“, sagt Marieluise Stiefel (66). „Das hat immer etwas Künstliches.“

Auf dem Tempelhof hingegen sei das grundsätzlich anders. Hier gibt es keine Begegnung um ihrer selbst Willen. Begegnungen ergeben sich von ganz alleine. Denn alle haben ein „gemeinsames Drittes“ im Sinn, erklärt Rainer Kaltenecker (48), und das sei die solidarische Gemeinschaft, die sich in dem ehemals leer stehenden Dorf während der „Intensivzeiten“ aber auch während der gemeinsamen Dienste entwickelt.

„Das Tolle hier ist, dass man an allen Lebensphasen teilhaben kann, weil eben alle da sind“, sagt Agnes Schuster. „Und dass es immer Themen und Projekte gibt, die einen interessieren“, fügt Lena Hunger (32) hinzu. Das sei gerade für sie mit zwei kleinen Kindern wichtig. „In der alten Heimat habe ich fast nur mit Müttern Kontakt gehabt. Und mich nur über Windel und Babynahrung ausgetauscht.“

Allerdings: Damit so etwas wie der Tempelhof funktioniert, muss jeder bereit sein, die Beziehungen zu den anderen zu pflegen. „In die Beziehungen zu gehen“, heißt das im Tempelhof-Jargon. Und nein, natürlich muss nicht jeder jeden mögen. „Aber jeder kann jedem helfen“, sagt Agnes Schuster.

Eine Großfamilie also? Nein, da ist sich die Gesprächsrunde völlig einig: „In den Familien herrscht so viel Schweigen. Es gibt so viele Tabus“, sagt etwa Lena Hunger. Auf dem Tempelhof, wo Beziehungen bewusst gelebt und gepflegt werden, sei das anders. „Da kann ich ganz anders auf die Menschen zugehen.“

Die Gemeinschaft sieht sich nicht als Familie, sondern viel eher als ein großes Dorf, in dem Gleichgesinnte achtsam miteinander umgehen und Verantwortung füreinander übernehmen. „Und wie heißt es so schön: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Das ist hier auch so“, sagt Rainer Kaltenecker. Das entlaste die Eltern, und den Kindern beschere es viele Kontakte. „Und eine reiche Umgebung, in der sie aufwachsen können.“

„Erfülltes Leben“, „Freiheit für die Seele“, „reiche Begegnungen“, das sind die Begriffe, die fallen, wenn man mit den Menschen vom Tempelhof über ihr Leben redet. Braucht jemand Hilfe, organisiert sich das ganz automatisch. Braucht jemand Begleitung bei einem Spaziergang, findet sich auch das. Muss jemand im Krankenhaus besucht werden, fährt einer hin. „Da kann jeder etwas geben, egal wie alt er ist“, sagt Maria Keil (74). Und das habe nichts mit einem Ersatz für das Rentensystem zu tun, sagt Kaltenecker. „Wir wollen hier nur miteinander leben wie in einem Dorf, in dem man sich selbstverständlich hilft.“

Allerdings, wirft Agnes Schuster ein, ist noch kein Bewohner des Tempelhofs gestorben. Es musste also noch keiner lange und intensiv gepflegt werden. „Da waren wir noch nicht gefordert“, sagt sie. „Da müssen wir uns noch bewähren.“ Die anderen in der Gesprächsrunde sehen aber keine Schwierigkeiten: Denn während in einer „normalen“ Familie die Tochter mit der dementen Mutter schnell völlig überfordert sei, verlagere sich hier doch die Pflege auf viele Schultern, meinen sie. „Und gemeinsam können wir das tragen.“

Ein Gespräch über den Tod und den Weg dorthin entspinnt sich. „Wir stehen hier in einem ständigen Diskurs“, erzählt Agnes Schuster.

Friedliches Gehen

Jeder habe Zeit, sich mit dem Leben und Sterben auseinanderzusetzen. Wer das tut, muss sich im Verlauf seines Lebens von vielem trennen, nicht zuletzt von der Jugend. „Ich habe das Gefühl, dass ich hier aufgeräumt sterben kann“, sagt Marieluise Stiefel und meint damit, dass sie, wenn sich der Lebensbogen schließt, keinen Ballast herumliegen hat, der sie am friedlichen Gehen hindert. „Vielleicht schaffen wir es hier, den Tod gut zu gestalten“, hofft Maria Keil. Sterbebegleitung sei nicht schwierig, sagt Schuster. „Man muss nur da sein. Aber dazu braucht es schon ein ganzes Dorf, um einen guten Abschied zu ermöglichen.“

150 Menschen leben auf dem Tempelhof

Die Gebäude und der Grund rund um den Tempelhof bei Marktlustenau (Gemeinde Kreßberg) wurden 2010 erworben und gehören heute der gemeinnützigen Stiftung Schloss Tempelhof. 2011 zogen die ersten Bewohner ein. Mittlerweile leben auf dem Gelände etwa 150 Menschen  von 8 bis 75 Jahren, 50 davon sind Kinder und Jugendliche. Der Altersschnitt beträgt gut 30 Jahre. In der „Schule für freie Entfaltung“ lernen mittlerweile 63 Kinder, etwa ein Drittel davon kommen von außerhalb. uts