Kreßberg In der Zirkusschule Halli Galli am Tempelhof werden verborgene Talente geweckt

Kreßberg / CHRISTINE HOFMANN 17.01.2015
Zirkusschule: Im Kinder- und Jugendzirkus üben sich junge Artisten nicht nur in anspruchsvollen Bewegungen und Geschicklichkeit, sondern sie lernen auch wichtige Lektionen fürs Leben.

Konzentriert, aber mit einem Lächeln im Gesicht lässt Katharina (13) die Poi tanzen. Die Bälle mit der langen Stofffahne schwingen gleichmäßig an der Schnur, die die Schülerin in ihren Händen hält. Mit kleinen Bewegungen aus dem Handgelenk gibt Katharina die Richtung vor, und schon schwingen die Poi in kreisförmigen Bewegungen um ihren Körper. Schon vor tausend Jahren spielten die Ureinwohner Neuseelands dieses Spiel, das heute von Artisten auf der ganzen Welt praktiziert wird.

Auch in der Zirkusschule Halli Galli am Tempelhof ist es eine beliebte artistische Disziplin. Katharina übt mit ihrer Freundin Annika (12) eine Choreografie ein. "Anfangs war es gar nicht so leicht, die Poi gleichmäßig zu schwingen, dass es schön aussieht", erklärt Annika. "Aber jetzt macht es richtig viel Spaß." Da kann Katharina nur beipflichten: "Ich habe schon verschiedene Zirkusdisziplinen ausprobiert. Jonglage mit Tellern oder mit dem Diabolo fand ich auch gut. Aber seit ich die Poi für mich entdeckt habe, mache ich nichts anderes mehr."

Zirkus ist vielseitig

Jeden Montag trainieren die Freundinnen gemeinsam mit einem Dutzend anderer Nachwuchskünstler in der Zirkusschule am Tempelhof, die vor einem Jahr eröffnet wurde. Träger der Schule ist der Verein Schloss Tempelhof. Unter der Leitung von Zirkuspädagoge Jens Fissenewert und Bewegungspädagogin Alexandra Schwarzer können Kinder zwischen sechs und 15 Jahren hier erste Erfahrungen im Jonglieren und Balancieren, in der Akrobatik und Clownerie sammeln. "Die Zirkusschule ist nicht nur für Kinder, die auf dem Tempelhof leben oder hier zur Schule gehen, gedacht. Wir sind offen für alle Kinder aus der Region", betont Alexandra Schwarzer. Wenn sich beispielsweise einige ältere Interessenten finden sollten, könnte eine eigene Jugendgruppe gegründet werden. Auch ein Projekt mit Erwachsenen ist denkbar. "Zirkus ist vielseitig, und wir können uns vieles vorstellen", sagt die 46-Jährige, die schon mit der Idee zum Tempelhof kam, hier eine Zirkusschule zu gründen.

Für Kinder, die noch zu jung für die Zirkusschule sind, gibt es eine Vorbereitungsgruppe, in der spielerisch motorische Grundlagenschulung stattfindet. Die Kleinkinder hüpfen auf der Weichbodenmatte, balancieren in luftiger Höhe über Bänke und laufen durch einen auf dem Boden ausgelegten Reifenparcours. "Freude an der Bewegung zu haben, das steht bei den Kleinen im Vordergrund", erklärt die Bewegungspädagogin und Sozialpädagogin, die einige Jahre an einer Waldorfschule mit eigener Zirkusschule gearbeitet hat.

Sobald die größeren Kinder zum Zirkustraining in die Sporthalle am Tempelhof kommen, schauen die Kleinen ganz genau zu. Eines Tages wollen sie auch so tolle Kunststücke machen. Das Prinzip, dass Jüngere von Älteren lernen können, ist ausdrücklich gewollt. Eine Besonderheit der Zirkusschule Halli Galli ist, dass die jungen Artisten hier nicht nach einem festen Trainingsplan üben, sondern völlig frei. Das Material liegt bereit, und wer Unterstützung braucht, bekommt sie von den beiden Trainern, den ehrenamtlichen Helfern oder von einem Artisten, der die Disziplin bereits beherrscht. Die Entscheidung, eine Zirkusdisziplin zu erlernen, kommt jedoch vom Kind selbst. "Wir geben nur wenige Impulse. Die Kinder suchen sich selber aus, was sie lernen möchten", berichtet Jens Fissenewert, der die Initiative zur Förderung von Bildung und Sport "Zirkonvention" in Ansbach gegründet hat.

Viel Übung nötig

Anfangs stand die Clownerie bei den Teilnehmern der Zirkusschule hoch im Kurs. Inzwischen üben sich einige Kinder in verschiedenen Formen der Jonglage. Seit Neuestem hängt ein Vertikaltuch von der Hallendecke, das zahlreiche neue Bewegungsmöglichkeiten bietet. "Wir sind gespannt, wie die Jugendlichen dieses Angebot aufnehmen werden", sagt Fissenewert, "es handelt sich auf jeden Fall um ein anspruchsvolles Gerät, das viel Übung benötigt."

Der Kreativität sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt. Die zehnjährige Luzie kann schon sicher mit Bällen und Keulen jonglieren. Auch bringt sie nichts so schnell aus dem Gleichgewicht, sie kann gut auf Stelzen laufen. Nun hat die Schülerin eine tolle Idee: Sie versucht, verschiedene Disziplinen zu kombinieren. Auf Inlinern dreht sie ihre Runden durch die Halle und lässt dabei die Bälle kreisen. "Ich will noch schneller werden", meint die Zehnjährige.

Die Begeisterung der jungen Artisten fasziniert auch das Trainerduo. "Mir ging es damals genauso", erinnert sich Jens Fissenewert an seine eigenen Anfänge mit dem Zirkus. "Der Reiz besteht für mich darin, dass man sich im Zirkus kreativ ausdrücken kann. In meinem Fall war das die Jonglage - die berührt mich bis heute." Im Zirkustraining erfuhr der 32-Jährige Gemeinschaft und gewann Selbstvertrauen: "Als ich damals mit dem Zirkus anfing, war ich ein schüchterner Junge. Durch das Zirkustraining konnte ich etwas, was niemand meiner Klassenkameraden konnte. Das hat mich stark gemacht."

Zirkusluft schnuppern

Ein Tagesworkshop Clownerie für Erwachsene und Kinder findet am Samstag, 31. Januar, von 10 bis 17 Uhr in der Turnhalle der Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Kreßberg statt. Anmeldungen unter der Telefonnummer 0 79 57 / 9 23 90 32.

Schnupperkurse mit Einführung in die Grundtechniken klassischer Zirkusdisziplinen bietet die Zirkusschule Halli Galli am 23. Juni und am 8. Juli über die Volkshochschule Crailsheim an. Anmeldungen über die VHS unter der Telefonnummer 0 79 51 / 9 48 00. Wer beim wöchentlichen Zirkustraining schnuppern möchte, meldet sich bei Alexandra Schwarzer unter 0 79 57 / 9 23 91 46.

HOF

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